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Auf der Säule (II)

Warum manche auf einer Säule leben wollten und andere dies verhinderten

Als Säulenheiligen bezeichnet man im übertragenen Sinn eine Person, die aufgrund ihres Ansehens oder ihrer gehobenen Stellung als unantastbar gilt (nach Deutsche WortSchätze Universität Graz). Eigentlich müsste man eher sagen bezeichnete, denn der Duden führt diese Bedeutung schon gar nicht mehr auf. Echte Säulenheilige, also Menschen, die ihr Leben (oder ein Teil davon) auf einer Säule zubringen, waren ja auch eher ein Phänomen des 4. bis 6. Jahrhunderts. Wenn überhaupt, so erhalten heute noch überragende Sportler diesen Ehrentitel, bevorzugt Ausübende bewegungsärmerer Sportarten wie Schach versteht sich. Wissenschaftler und Künstler, die als Säulenheilige ihres Fachs gelten, sollten sich dagegen nicht allzu geschmeichelt fühlen. Das Nicht-von-der-Säule-Gestoßen-Werden-Können hat den fatalen Beigeschmack des Nicht-mehr-auf-der-Höhe-der-Zeit-Seins. Am Fuß der Säule hämmern sie schon.

Denkmal für Loriot Stuttgart Eugensplatz

Das ist nicht etwa ein Denkmal für einen Mops, sondern für Loriot, einen Säulenheiligen des feinsinnigen Humors. Warum man in Stuttgart, wo Loriot zur Schule ging und sich seine ersten darstellerischen Meriten am Staatstheater verdiente, eine 2,75 Meter hohe ionische Säule für eine passende Ehrung hielt, bleibt ein humoristisches Geheimnis. (Angeblich handelt es sich um einen subtilen Hinweis auf die hier genossene humanistische Bildung.) Ursprünglich übrigens ohne Mops.

Mops auf der Säule, die zu Ehren Loriots in Stuttgart errichtet wurde

Ausgerechnet die Ardennen

Im Westen betrachteten offizielle Stellen Säulensteher schon immer mit einer gewissen Skepsis. Exponiertes Zur-Schau-Stellen asketischer Dauerübungen war eher unerwünscht. Simeon, der als heilig galt, weil er in Syrien jahrzehntelang auf einer Säule gestanden haben soll, hatte hier nur einen Nachahmer. Um 580, etwa 120 Jahre nach Simeons Tod, beschloss der Langobarde Wulfilaich sein Leben fortan auf einer Säule zu verbringen. Er hatte sich dafür einen Berg in den Ardennen in der Nähe von Sedan ausgesucht. Bereits einige Jahre zuvor hatte er dort, wie es sich gehörte mit Erlaubnis des zuständigen Bischofs von Trier, eine Mönchszelle gegründet. Das Christentum hatte zu dieser Zeit noch nicht richtig Fuß gefasst in den waldreichen Ardennen. In der Nähe befand sich das Standbild einer keltischen weiblichen Gottheit, die später mit Diana gleichgesetzt wurde. Vielleicht auch um die Bauern der Umgebung zu beeindrucken, ließ Wulfilaich eines Tages eine Säule errichten, stellte sich darauf und begann, gegen die Verehrung des heidnischen Kultbildes zu predigen. Dieses merkwürdige Verhalten zog auch tatsächlich die Massen an, die Wulfilaich mit Brot, Kohl und Wasser versorgten. Nun sind die Ardennen nicht die syrische Wüste. Dem langobardischen Säulensteher, der barfuß auf seiner Säule der Winterkälte trotzte, gingen vom Frost die Nägel ab, in seinem Bart fror das Wasser zu Eiszapfen. Aber er war insofern erfolgreich, als die Bauern schließlich das Kultbild der keltischen Göttin zerstörten - mit Gottes Hilfe natürlich.    

Auf dem Boden gelandet

Zerstörte Säule
Zerstörte Säule Wulfilaichs (Szene nachgestellt)

Doch Wulfilaichs Leben auf der Säule sollte nicht allzu lang dauern. Wie er Gregor von Tours (1) erzählte, kamen eines Tages Bischöfe zu ihm, die ihm erklärten, er könne sich nicht mit dem heiligen Simeon messen und überhaupt sei das Wetter in den Ardennen nicht geeignet, um das ganze Leben auf einer Säule zu stehen. Anstatt ihn zu ermutigen, befahlen sie ihm, herunterzusteigen und mit den Mönchen, die er um sich geschart hatte zu leben. Und er sollte Nahrung zu sich nehmen. Dahinter stand die Sorge, dass allzu strikte Askese zur Todsünde des Selbstmordes führen könne. Das klang auch schon in den Lebensbeschreibungen Simeons an. Das Bemühen, den Körper zu überwinden führt offensichtlich zu einer ständigen Beschäftigung mit der eigenen Körperlichkeit. Da man den Bischöfen Gehorsam schuldete, folgte Wulfilaich ihrer Forderung. Aber das war noch nicht genug. Man gab ihm den Auftrag, einen entfernten Hof aufzusuchen und als er am nächsten Tag zurückkehrte, hatte der Bischof die Säule kurz und klein schlagen lassen. Wulfilaich erzählte Gregor, er habe bitterlich geweint, doch sich gefügt. Im Westen duldete die Kirche zwar Menschen, die extreme Lebensformen auf sich nahmen, versuchte aber, sie in ihre Strukturen einzubinden. Wer sich zum Beispiel einmauern lassen wollte, konnte dies nach Prüfung von Standfestigkeit und Durchhaltevermögen tun, aber nur in Anbindung an ein Kloster. Im Allgemeinen bevorzugte man im Westen tote Heilige. Frauen stellten sich übrigens nicht auf Säulen, weder im Osten noch im Westen, nicht weil sie vernünftiger gewesen wären, sondern weil ein solch exponiertes Leben in der Öffentlichkeit sich für Frauen nicht schickte. Sie ließen sich lieber einmauern (s.o.).

(1) Gregor, Bischof von Tours, besuchte Wulfilaich auf einer seiner Reisen. Gregors „Zehn Bücher Geschichten“ sind die wichtigste Quelle für die Zeit der Merowinger.   

Mehr über den berühmtesten (und ausdauerndsten) Säulenheiligen gibt es unter: Simeon - Leben auf der Säule.

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