Noch 'ne Webseite


Braucht man das? - Nee, eigentlich nicht.

Außer man ist interessiert an Geschichte, Büchern und was das Leben sonst noch so zu bieten hat. Gummibärchen zum Beispiel.

Genau darum geht es in meinem Blog - also, bis auf die Gummibärchen. Einfach mal reinlesen!

Außerdem stelle ich mein "Projekt Zeitlotse" vor, eine Buchreihe über das frühe Mittelalter. Leseproben finden Sie hier.

Und für den Anfang im Anschluß ein paar grundsätzliche Bemerkungen über Geschichte.

 

Herzlich willkommen!


Post-It! Diese Woche neu:

Cover Otto I. und Otto II.

Manchmal dauert es eben länger. Aber jetzt ist es soweit: Der vierte Band des „Zeitlotsen“ ist zu haben „Otto I. und Otto II. - Anspruch und Ambitionen“. Wie immer für schlanke 0,99 € als E-Book bei Amazon. Unverbindlich hereinschnuppern kann man schon mal unter „Mehr über meine Bücher/Leseproben.“ Viel Vergnügen beim Lesen!

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Warum der Blick zurück so wichtig ist

Ein Plädoyer für mehr Geschichte

Geschichte ist nur ein Nachplappern von Dingen, die früher passiert sind.* Sie finden diesen Satz gut? Meine Familie auch. Und doch ist er falsch.

 

*Das ist die Quintessenz eines Dialogs zwischen den beiden Physikern Sheldon Cooper und Leonard Hofstadter in der Sitcom Big Bang Theory (5. Staffel, Folge 10). Sheldon schlägt seinem Mitbewohner Leonard vor, er möge besser Geschichte unterrichten, dazu seien weder Kreativität noch analytisches Denkvermögen nötig.

St. Wiperti in Quedlinburg
Frühromanisches Türbogenfeld am Südportal von St. Wiperti in Quedlinburg, stammt ursprünglich vom Quedlinburger Marienkloster

Geschichte findet in der Gegenwart statt

Historiker (die Verwendung der männlichen Form für beide Geschlechter widerstrebt mir zwar, aber noch mehr widerstreben mir alle Historiker*/innen Varianten, also denken Sie bitte die in diesem Berufsstand zahlreich vertretenen Frauen immer mit), Historiker sagen, Geschichte setze sich mit der Vergangenheit auseinander, gehöre aber zur Gegenwart. Klingt paradox? Keineswegs! Denn Historiker stellen die Fragen an die Vergangenheit, auf die wir heute eine Antwort haben wollen. Das sind andere Fragen als vor 50 und andere als vor 100 Jahren. Niemand beschäftigt sich mit der Vergangenheit nur um ihrer selbst willen. Wir wollen Antworten für unser heutiges Leben. Das ist eine Grundkonstante menschlichen Denkens und insofern nichts Neues, das war schon immer so. Deswegen befindet sich die Geschichtswissenschaft in einem ständigen Wandel. Geschichte liefert durch die Beschäftigung mit der Vergangenheit Erklärungsansätze für die Gegenwart.

 

Ginge es nur darum, vergangene Ereignisse „nachzuplappern“, könnten Historiker sich bei ihrer Arbeit auf die letzten 50 Jahre beschränken. Was die reinen Fakten angeht, sind aus früheren Zeiten kaum neue Erkenntnisse zu erwarten. Da ist bereits alles gesagt. Und doch erscheinen jedes Jahr unzählige neue Bücher über die Antike, das Mittelalter, die frühe Neuzeit. Und finden ein interessiertes Publikum. Historiker forschen über Geschlechterbeziehungen, Migrationsbewegungen, den Umgang mit Ressourcen, die Stellung Europas und vieles mehr. Aus den altbekannten Quellen ergeben sich plötzlich  neue Erkenntnisse. Wer die richtigen Fragen stellt, und das ist eine Kunst, die jeder wissenschaftlich ausgebildete Historiker beherrschen sollte, erhält auch neue Antworten.

Geschichte gibt Orientierung

Wer die Vergangenheit ignoriert, verliert sich im Hier und Jetzt. Hätten wir das Alte nicht, gäbe es nichts Neues, denn wie sollten wir es erkennen? „Zukunft braucht Herkunft“ betitelte der Philosoph Odo Marquard im Jahr 2003 eine Auswahl seiner Essays, die anlässlich seines 75. Geburtstags erschien. Der 2015 verstorbene Marquard vertrat die Ansicht, dass man wissen muss, wo man herkommt, um erkennen zu können wo man steht und wohin man gehen will. Marquards Buchtitel stieß auf große Resonanz, immer wieder gern zitiert, vom Deutschen Altphilologenverband, was wenig überraschend ist, bis zur Telekom. Für den Dialog mit ehemaligen Mitarbeitern. Insofern auch Vergangenheit. Aber das nur nebenbei. Die schnelle Veränderung der Lebensverhältnisse lässt Menschen nach etwas Vertrautem, nach einer Konstante suchen. Marquard nannte das einmal einen Teddybären für Erwachsene. Geschichte ist das Fundament unserer Gegenwart und ganz klar ein Teddybär.

Geschichte lehrt richtiges Fragen

Wer sich mit der Vergangenheit beschäftigt, beginnt mit einer Frage. Das ist das eigentliche Geschäft des Historikers: gute Fragen zu stellen. Ich erinnere mich an den Vortrag eines Ingenieurs, eines Professors, an unserem Historischen Institut. Der Vortrag handelte von irgendeinem Kuriositätenkabinett aus der Zeit des Barock. Begeistert und sehr detailliert wurden wir über die Funktionsweisen der dort vorhandenen mechanischen Wunderwerke unterrichtet. Doch die entscheidende Frage blieb unbeantwortet: Warum? Warum gab es im Barock diese Sammlungswut, warum dieses technische Interesse? Welchem Zweck diente es? Repräsentation? Bildung? Ich will nicht unterstellen, dass Ingenieure nicht lernen, Fragen zu stellen, aber sie stellen eben nicht diese Art von Fragen. Sonst hätten sie ja auch Geschichte studiert. Doch dieser Professor der Ingenieurwissenschaften war überzeugt, er hätte das Geschäft eines Historikers erledigt. Aber es war nur das Sammeln von Fakten. Beschäftigt man sich mit der Vergangenheit, muss man die eigene Position immer wieder hinterfragen, nichts als gegeben hinnehmen. War es wirklich so, wie ich denke, hätte es nicht auch anders sein können? Hüten wir uns vor Bildern im Kopf (und im Fernsehen), die das zeigen, was wir erwarten. Das Mittelalter war dunkel? Ja, vor allem nachts.

Und zum Schluss: Was ist Geschichte noch mal?

„Die Geschichte ist die Wissenschaft vom Menschen in der Zeit.“ Das sagte der französische Historiker Marc Bloch Anfang der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts in seinem Buch „Apologie der Geschichtswissenschaft oder Der Beruf des Historikers“. Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht, dass Geschichte unglaublich viel Spaß macht. Meinte Monsieur Bloch übrigens auch. Aber dazu muss man wahrscheinlich Historiker sein.

Marc Bloch wurde 1944 von der Gestapo erschossen, sein Buch ist unvollendet geblieben. 2002 erschien es in neuer deutscher Übersetzung.