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Bertrada - Ehefrau, Mutter, Königin und Kupplerin

Die Königin Bertrada

Bertrada, die Mutter Karls des Großen, verlebte ihre alten Tage in hohen Ehren bei ihrem Sohn. Und dieser brachte ihr nichts als Ehrfurcht und Respekt entgegen. Das wünscht sich doch jede Mutter. Jede Mutter weiß aber auch, dass solch ein idyllisches Mutter-Sohn-Verhältnis, das Einhard, Höfling, Vertrauter, Ratgeber und Biograf Karls des Großen hier schildert, wenig realistisch ist. Tatsache ist, Karl der Große servierte seine Mutter bei der ersten sich bietenden Gelegenheit ab. Der Grund? Die Wahl der rechten Ehefrau. Was bei einem König natürlich immer auch eine politische Entscheidung ist. Karl der Große wollte die Ehefrau, die seine Mutter für ihn ausgesucht hatte, und von der nicht einmal der Name überliefert ist, nicht. Nach einem Jahr Ehe tat er das Ungeheuerliche: Er schickte sie zurück zu ihrem Vater. Discordia, die Göttin der Zwietracht, trübte daraufhin das Verhältnis von Mutter und Sohn. Und Karl der Große riskierte viel, denn die gedemütigte Ehefrau war nichts weniger als eine langobardische Prinzessin.

Eine Braut für Pippin

Merowingische Könige nahmen ohne Unterschied Königstöchter oder Töchter von Knechten zur Frau. Die Familie änderte nichts am Status der Gattin und auch nichts am Status der Söhne. Die Karolinger waren da wählerischer. Sie verbanden sich nur mit Töchtern aus einflussreichen Familien. Die Karolinger waren Aufsteiger und auf ein gutes verwandtschaftliches Netzwerk angewiesen. Töchter von Knechten brachten das in der Regel nicht mit. Bertradas Familie war reich, angesehen und hatte Besitz in derselben Gegend wie der karolingische Hausmeier Pippin. Möglicherweise hatten Bertrada und Pippin gemeinsame Vorfahren, denn ihre Besitztümer grenzten aneinander und waren vielleicht an unterschiedliche Familienzweige vererbt worden. Heiraten zwecks Besitzarrondierung waren üblich, schon bei den Römern wurden Cousinenehen geschlossen, um den Besitz in der Familie zu halten. Auch wenn es etwas anrüchig war. Pippin brauchte unbedingt eine Frau. Vor kurzem war sein Vater gestorben und hatte das Hausmeieramt an seine Söhne vererbt. De facto hatten die Hausmeier die Macht und so wurde eigentlich das Reich unter Karlmann, Pippin und den  Nachkömmling Grifo (der aber unter einigen Schwierigkeiten von seinen Stiefbrüdern kaltgestellt werden konnte) aufgeteilt. Blieben Karlmann und Pippin. Und der ältere Karlmann hatte schon eine glückliche Familie mit mehreren Kindern. Bertrada und Pippin heirateten irgendwann um das Jahr 741/744. Die Braut war jung, vielleicht erst halb so alt wie der 26jährige Bräutigam. Doch die Ehe blieb zunächst kinderlos. Mehr als drei Jahre. Das muss schwer gewesen sein für Bertrada, denn oberste Pflicht einer Gattin war es nun mal, Kinder zu gebären, am besten Söhne. Vielleicht sorgte sich das Ehepaar, ob es wegen zu naher Verwandtschaft Gottes Zorn heraufbeschworen hatte. Das Kirchenrecht war da ziemlich strikt. Blieb der Nachwuchs als Strafe für diese Sünde aus?

Die Ausschaltung des Schwagers

747 war ein gutes Jahr für Pippin und Bertrada. Karlmann ging überraschend ins Kloster und vertraute seine Söhne dem Bruder an. Pippin hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine Kinder, Bertrada war aber wohl schon schwanger. Pippin nutzte die Gelegenheit und bootete seine Neffen aus. Der Rest der Geschichte ist bekannt, 751 machte sich Pippin mit Hilfe des Papstes zum König und der Papst beschwor die Franken, niemals einen König aus den Lenden eines anderen (konkret aus den Lenden Karlmanns) zu wählen. Im Gegenzug verpflichtete sich Pippin, den Papst gegen die Langobarden zu unterstützen. Pippin ging damit ein großes Risiko ein, denn es gab am Hof eine starke prolangobardische Fraktion. Nach Einhard erklärten einige seiner Ratgeber ganz offen, sie würden den König verlassen und sich nicht am Feldzug gegen die Langobarden beteiligen. Pippin führte zwei Kriegszüge gegen den langobardischen König Aistulf. Der erkannte schließlich die fränkische Oberhoheit an und erklärte sich bereit, einen jährlichen Tribut zu zahlen. 754, als zum ersten Feldzug gerüstet wurde, kehrte Karlmann auf Wunsch seines Abtes und des langobardischen Königs aus dem Kloster Monte Cassino in das Frankenreich zurück, um die Gegner der pippinischen Pläne um sich zu scharen. Das Vorhaben scheiterte. Man hatte Karlmann wohl noch einigen Einfluss im Frankenreich zugetraut. Der Papst spielte seine Autorität über den Mönch Karlmann aus und wies ihn und seine Begleiter in ein fränkisches Kloster ein. Doch Pippin wollte den Bruder lieber in seiner Nähe haben. Er zog mit des Königs Tross nach Italien, erkrankte unterwegs und wurde der Königin Bertrada zur Pflege/Aufsicht übergeben. Sie blieb mit dem Schwager in Vienne zurück. Nach Tagen des Siechtums starb Karlmann in Frieden, so heißt es. Die britische Historikerin Janet Nelson hat die Frage aufgeworfen, ob Bertrada die Rolle einer Florence Nightingale oder einer Lady Macbeth zugedacht war. (Janet L. Nelson, Bertrada, in: Der Dynastiewechsel von 751, hrsg. von Matthias Becher/Jörg Jarnut, Münster 2004, S. 93-108). Haben wir es etwa mit einer mordlüsternen Königin zu tun, die ihre Gegner langsam meuchelte? Vielleicht auch noch im Auftrag des sinistren Gatten? Natürlich kam der Tod des lästigen Schwagers passend, aber im Mittelalter wurde auch schnell gestorben.

Bertradas Bündnispolitik

768 starb Pippin. Bertrada war das Leben einer deo consecrata zugedacht, einer Gott geweihten Witwe, die lebte, als habe sie den Schleier genommen, in stetem Gebet für das Seelenheil des verstorbenen Gatten. Doch Bertrada hatte andere Ambitionen. Sie übernahm die Rolle einer politisch tätigen Königswitwe. Sie mochte das für unausweichlich gehalten haben, denn das Verhältnis ihrer beiden Söhne Karl und Karlmann, denen jeweils ein Teil des Frankenreiches zugefallen war, war mehr als angespannt. Bertrada versuchte zu vermitteln. Und sie wandte sich von der anti-langobardischen Politik ihres verstorbenen Mannes ab. Kann sein, dass sie schon immer Sympathie für die langobardische Sache gehegt hatte. Die Langobarden hatten sich von ihrer Niederlage gegen Pippin inzwischen wieder erholt. Vielleicht erhoffte sich Bertrada von einem Bündnis ein „alpenübergreifendes“ Netzwerk, das auch den recht selbständig agierenden Tassilo, Herzog von Bayern, Vetter ihrer Söhne, einband. 770 begab sich Bertrada auf eine längere Reise. Sie besuchte ihren Sohn Karlmann in Selz, dann Herzog Tassilo in Bayern, reiste weiter nach Pavia zum Langobardenkönig Desiderius und schaute zuletzt noch beim Papst in Rom vorbei. Ergebnis ihrer Bemühungen war ein feinmaschiges Heiratsnetz. Die Braut für ihren Ältesten Karl brachte sie gleich mit, es war die jüngste Tochter des Desiderius. Um das Bündnis noch weiter zu festigen, sollte Karls 13jährige Schwester Gisela den langobardischen Thronfolger heiraten. Doch dazu kam es nicht mehr. Gisela wurde später Äbtissin des Klosters Chelles. Tassilo von Bayern heiratete eine weitere Tochter des Desiderius. Es störte nicht weiter, dass Karl bereits verheiratet war und zwar mit Himiltrud, mit der er auch einen Sohn hatte, der den Namen seines Großvaters Pippin trug. Himiltrud wies man ins Kloster Nivelles ein, wo sie noch 15 bis 20 Jahre lebte. Sie wurde später, als ihr Sohn eine Missbildung am Rücken entwickelte und seine Erbansprüche verlor, von der karolingischen Geschichtsschreibung als Konkubine bezeichnet.

Karl brüskiert Gattin und Mutter

Der Papst schäumte. Er ließ zur Feder greifen und den fränkischen Hof erreichte ein wütendes Schreiben: Wie könnte sich jemand aus dem edlen Volk der Franken mit den perfiden Langobarden verbinden, diesem stinkenden Volk, das dem Geschlecht der Leprosen entstamme, zumal beiden Söhnen doch bereits vom Vater die schönsten Gemahlinnen aus dem eigenen Volk zugeführt worden wären (zitiert nach Johannes Fried: Karl der Große, München 2014, S. 125). Der Papst wusste also nicht so genau, welchem der beiden Brüder die Braut nun zugedacht war. Aber Karl mochte seine neue Frau nicht. Zu Beginn des Jahres 771 trennte er sich von der für uns namenlosen Gattin. Es war ein Akt der Emanzipation von seiner Mutter und deren Entourage. Ende 771 starb der Bruder Karlmann plötzlich, er war nur 20 Jahre alt geworden. Karl zögerte nicht, er nahm das Reich Karlmanns in Besitz und ignorierte die Ansprüche seiner Neffen - so wie es bereits sein Vater getan hatte. Karlmanns Witwe floh mit ihren Kindern zum Langobardenkönig Desiderius, dessen Hof zum Sammelpunkt der Opposition gegen Karl wurde.

Karl - ein Polygamist

Kurz nach der Trennung von seiner zweiten Ehefrau heiratete Karl erneut. Braut war die 14jährige Hildegard, eine Alemannin aus begüterter und vornehmer Familie. Es ist nicht ganz klar, ob die Hochzeit vor oder nach dem Tod des Bruders stattfand. Alemannien gehörte zum Herrschaftsgebiet Karlmanns, die Hochzeit war auf jeden Fall als Kampfansage an Karlmann beziehungsweise seine Erben zu verstehen. Die Verbindung mit der Familie Hildegards sollte Karl zu Einfluss und Macht im Reich des Bruders verhelfen. Streng genommen war Karl ein Polygamist, denn seine beiden verstoßenen Frauen lebten ja noch. Die Kirche war da inzwischen ziemlich streng. Doch der Papst schwieg. Nicht jedoch Karls Vetter Adalhard von Corbie, er war erschüttert wegen Karls illegitimer Ehen, zog sich vom Hofleben zurück und wurde Mönch. Vielleicht ist das auch nur eine hübsche Geschichte, denn Adalhard gehörte später zu den wichtigsten Ratgebern Karls. 774 eroberte Karl das Langobardenreich und setzte sich die eiserne Krone der langobardischen Könige auf. Die Witwe des Bruders und ihre Kinder wurden entweder ermordet oder verschwanden in irgendeinem Kloster. 783 starb Bertrada. Karl ließ sie in die königliche Nekropole St. Denis überführen, wo auch ihr Mann Pippin begraben lag.

Weibliche Einflussnahme

Bertrada war die erste und letzte karolingische Königin, die politisch so selbstständig agierte. Und das in einem nicht institutionalisierten Rahmen. Als sie Witwe wurde, waren ihre Söhne längst erwachsen. An eine Vormundschaft war nicht mehr zu denken. Ihr Einfluss beruhte lediglich auf mütterlicher Autorität. Nach ihrer „Entmachtung“ durch den Sohn blieb ihr die Rolle einer des verstorbenen Gatten gedenkenden Witwe und liebevollen Großmutter. Sie freute sich an ihren Enkeln, überliefert uns Einhard. In ein Kloster trat sie wohl nicht ein. Das Beispiel Bertradas zeigt, wie schwierig es für Frauen war, aktiv politisch tätig zu sein. Natürlich gibt es die Geschichten der schönen jungen Frauen alternder Könige, die ihre Männer zugunsten ihrer Söhne beeinflussten. Aber das ist doch ein eher konventionelles Bild weiblicher Einflussnahme. Auch Bertrada soll ja nichts anderes im Sinn gehabt haben, als ihre zerstrittenen Söhne zu versöhnen. Typisch Mutter eben. Ansonsten erscheinen Frauen hier als beliebig verschiebbar. Man entsorgt sie im Kloster und nimmt sich eine neue, nützlichere. Später war das nicht mehr so einfach möglich. Das sollte allerdings noch drei Generationen dauern. Karls Urenkel Lothar gelang es nicht, sich von seiner Frau scheiden zu lassen um seine Konkubine zu ehelichen und so die gemeinsamen Kinder zu legitimieren. Der Papst hatte etwas dagegen.    

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Kommentare: 1
  • #1

    @Henri95 (Sonntag, 02 April 2017 18:36)

    Die Autorin hat nicht zu viel versprochen. Eine sehr detailreiche Darstellung der Ereignisse, wohl mit einem neuem Rekord, was die Anzahl der Akteure angeht. Der aufmerksame Leser sollte sich zum besseren Verständnis einen Notizzettel bereit legen, um den Überblick über das ganze Blutbad zu behalten. Mord scheint damals ja eine beliebte Freizeitbeschäftigung von Frauen gewesen zu sein. Vielleicht hat die Autorin aber auch nur einen Faible für rachsüchtige Frauen. Dennoch liegt gerade darin die Stärke des Textes, vermag es die Autorin geschickt mit diesen mittelalterlichen Klischees zu spielen, diesen aber wissenschaftliche Erkenntnisse gegenüberzustellen. Und in der Tat werden hier einige interessante Fragen aufgeworfen: Welche Rolle spielen Ehefrauen und Mütter bei politischen Entscheidungsfindungen? Wie sichern Frauen ihre politische Macht? Und wie können sie ihre Macht letztlich nach außen hin legitimieren? All dies sind Fragen, die sich ja nicht erst stellen, seitdem Frauen offiziell Staatsoberhäupter sind und sich dabei ja oft länger halten als so mancher ihrer männlichen Vorgänger. Jedenfalls kann man froh sein, dass Mütter heutzutage nicht mehr so viel morden müssen, um Einfluss auf ihre Söhne zu haben...