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Die Griechin - Theophanu (1)

Hinweisschild auf das Hotel Theophano in Quedlinburg

Nicht wenige am ottonischen Hof hätten die Braut am liebsten wieder zurückgeschickt. Das zwölfjährige (?) Mädchen war in ihren Augen eine Mogelpackung. Der künftige Schwiegervater war allerdings entzückt. Zu Recht. Seit vielen Jahren hatte sich der Kaiser des Westens, Otto der Große, um eine byzantinische Braut für seinen gleichnamigen Sohn bemüht. Eine Porphyrogenneta, eine Purpurgeborene, hatte man im Sinn. Das war schon eine besondere Braut, eine byzantinische Prinzessin, die geboren wurde als ihr Vater bereits Kaiser war. (Kinder des amtierenden Kaisers kamen im Großen Palast in Konstantinopel in einer mit Porphyr ausgekleideten Kammer zur Welt. Der Beiname leitet sich vermutlich von dem purpurfarbenen Stein ab.) Das traf nur auf Anna zu, die Stieftochter des Kaisers Nikephoros. Doch am byzantinischen Hof zierte man sich. Man wollte die purpurgeborene Tochter eines purpurgeborenen Kaisers nicht fremden Völkern in die Ehe geben. Überhaupt war man in Byzanz nicht erfreut über die „Barbaren“ im Westen, die sich einen eigenen Kaisertitel anmaßten. Außerdem stritt man sich um alte byzantinische Besitzungen in Italien. Da half es nicht viel, dass der zwölfjährige Sohn Ottos des Großen 967 in Rom zum Mitkaiser gekrönt wurde. Das machte ihn auch nicht viel attraktiver für eine byzantinische Kaisertochter.

Die falsche Braut

Heiratsurkunde der Theophanu

Der Sturz des oströmischen Kaisers ebnete den Weg. 969 wurde Nikephoros unter Beteiligung seines Neffen und Nachfolgers ermordet. Der neue Kaiser wollte den Konflikt mit den fernen Barbaren beenden und schickte seine Nichte Theophanu als Braut in das unwirtliche Sachsen. Das Mädchen stammte aus einer bedeutenden Familie, war gebildet und gut erzogen, doch Theophanu war alles andere als eine purpurgeborene Kaisertochter. Manch einer im Frankenreich begriff dies als Affront. Die kostbaren Geschenke, die die Braut im Gepäck hatte, beruhigten die Gemüter etwas. Otto der Große machte das Beste daraus. Er behandelte die Braut einfach als eine Porphyrogenneta. Ihre Anwesenheit konnte man immerhin als Anerkennung des westlichen Kaisertums sehen. Im April 972 wurde Theophanu in Rom vom Papst mit dem vier bis fünf Jahre älteren Otto II. getraut und zur Kaiserin gekrönt. Das jugendliche Alter der Braut war kein Hinderungsgrund, zwölf Jahre galt allerdings auch im Mittelalter als ungewöhnlich frühes Heiratsalter. Die prachtvolle, anderthalb Meter lange, purpurfarbene Heiratsurkunde führt in goldenen Buchstaben umfangreiche Schenkungen an die Braut auf, unter anderem die Grafschaften Istrien und Pescara, die reiche Abtei Nivelles, die Königshöfe Boppard und Nordhausen. Wahrhaft eine kaiserliche Ausstattung! Die den Ottonen verweigerte purpurgeborene Anna kam übrigens 20 Jahre später doch noch unter die Barbaren. Sie wurde mit dem Großfürsten von Kiew verheiratet – auch nicht gerade standesgemäß. Aber der Großfürst bot im Gegenzug militärische Unterstützung und den Übertritt zum Christentum. Leider war er ein Polygamist.

 

 

 

Bild: Heiratsurkunde der Theophanu. Wolfenbüttel, Niedersächsisches Staatsarchiv. Der Name ist irreführend, denn in der Urkunde wird nicht die Heirat Ottos II. mit Theophanu beurkundet, sondern Otto überträgt seiner Frau unter Mitwirkung seines Vaters umfangreiche Besitztümer als Witwengut. Das Pergament wurde nicht mit echtem Purpur, das aus dem Sekret der Purpurschnecke gewonnen wird, gefärbt, sondern wurde mit einer Lasur aus Krapplack überzogen. Solche kostbaren Urkunden auf purpurfarbenem Grund wurden nur zu besonderen Anlässen erstellt. Gestalterisches Vorbild waren orientalische Seidenstoffe. Wo die Urkunde angefertigt wurde, ist unbekannt, Spätestens nach dem Tod Theophanus kam die Urkunde in das Stift Gandersheim, das ottonische Hauskloster.

Ost-West-Gefälle

Goldmünze Kaiser Johannes I. Tzimiskes
Goldmünze Kaiser Johannes I. Tzimiskes (969-976), Onkel der Theophanu. Vorderseite: Christus. Rückseite Links der Kaiser, rechts Maria, die mit ihrer Hand die Krone des Kaisers berührt. Berlin Münzkabinett SMPK

Da hatte es Theophanu besser getroffen. Von außerehelichen Eskapaden ihres jugendlichen Ehemannes ist nichts bekannt. Otto II. war kein illiterater Barbar, er galt als Büchernarr und lieh sich zum Unmut der Mönche gerne in Klosterbibliotheken Bücher aus ohne sie wieder zurückzugeben. Griechisch sprach im Westen zwar kaum noch jemand, aber Theophanu und Otto werden sich problemlos auf Latein verständigt haben. Trotzdem: Es kann für das junge Mädchen nicht einfach gewesen sein. Byzanz war dem Westen an Wirtschaftskraft und kultureller Bedeutung weit überlegen. Staunend hörte man im Frankenreich Berichte über mechanische Wunderwerke am Kaiserhof, von künstlichen Vögeln, die in verschiedenen Stimmen sangen, von mit Gold überzogenen Löwen, die mit dem Schweif auf den Boden schlugen und dabei brüllten. Fast wie in Andersens Märchen von des Kaisers Nachtigall. Im Westen wie im Osten war man voreingenommen gegenüber dem anderen Kulturkreis. Byzanz erschien der lateinische Westen rückständig und unzivilisiert, umgekehrt beklagte man sich nördlich der Alpen über „griechische“ Anmaßung und Heimtücke. Theophanus Sohn Otto III. spielte in einer berühmten Formulierung mit diesem Stereotyp, er wolle, so schrieb er seinem Lehrer, die sächsische Rohheit gegen griechische Feinheit eintauschen.

Unter Kuratel

Purpurfarbenes Seidengewebe mit eingewebten Löwen in einem helleren Ton

Seidengewebe mit Löwen, hergestellt in Byzanz 976-1025, Köln-Deutz Sacrarium Pfarrkirche St. Heribert. In diesen Seidenstoff wurde 1021 der Leichnam des Bischofs Heribert von Köln gehüllt. Man darf spekulieren, ob das kostbare Tuch mit Theophanu in den Westen gekommen ist.

Vier Monate nach der Hochzeit reiste die kaiserliche Familie zurück ins heimatliche Sachsen. Nun befand sich Theophanu in kälteren, rückständigeren Gefilden. Fünf Jahre hatte sich Otto II. in Italien aufgehalten. Das Hochzeitsgeschäft hatte sich länger hingezogen als erwartet. Konnte sich in Sachsen überhaupt noch jemand an ihn erinnern? Otto II. war zwar Mitkaiser, viel zu sagen hatte er aber nicht. Geprägt von den Aufständen seines verstorbenen ältesten Sohnes, ließ der übermächtige alte Kaiser es nicht zu, dass der Thronfolger ein eigenes Profil entwickelte. Das junge Paar zog mit den Schwiegereltern durch das Land. Bis Otto I. am 7. Mai 973 überraschend starb.

Römer, Griechen oder was?

Byzanz als Bezeichnung für das Oströmische Reich wird in der Forschung verwendet, abgeleitet von Byzantion, der Stadt, an deren Stelle Konstantin der Große seine neue Hauptstadt errichtete, die dann Konstantinopel genannt wurde. Die Zeitgenossen betrachteten und bezeichneten sich selbst als Römer (auch Rhomäer), im lateinischsprachigen Westen wurden sie Griechen genannt. Graecus (griechisch) wurde nicht immer neutral verwendet. Da konnte durchaus ein abwertender Unterton mitschwingen. Griechisch als Gegensatz zu lateinisch meinte auch das grundsätzlich Andere.

 

Mehr lesen: Otto I. und Otto II. Anspruch und Ambitionen. Leseprobe. (Hier klicken)

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