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Wer schaukelt denn da?

Eine kleine Kirche in Naturns gibt Rätsel auf

Der "Schaukler" von St. Prokulus - leicht verfremdet
Der "Schaukler" von St. Prokulus - leicht verfremdet

Die St. Prokulus-Kirche am Ortsrand von Naturns im Vinschgau hat die Größe eines Wohnzimmers und zählt (trotzdem) zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Südtirols. Das liegt an den berühmten frühmittelalterlichen Wandmalereien von St. Prokulus, vor allem an Südtirols bekanntestem „Schaukler“, einem Heiligen, der an einem Seil (oder Korb?) aus einem Fenster eine Mauer hinabgelassen wird. Erste Spuren der Fresken wurden 1912 entdeckt, nachdem sie Jahrhunderte von späteren Malereien überdeckt waren. Seitdem wird gerätselt. Den meisten heutigen Betrachtern erscheint die Bildsprache auf den ersten Blick vertraut, haben die Gesichter mit den großen Nasen und den überdimensionierten Augen doch etwas von einem modernen Comic. Doch humoristisch waren die Fresken nicht gemeint. Manche Kunsthistoriker sind der Ansicht, der „Schaukler“ und seine Gefährten stammen aus dem 7. Jahrhundert, andere datieren sie auf das 8. oder 9. Jahrhundert. Man sieht in den Fresken irische Einflüsse, die von St. Gallen bis in das Vinschgau reichten oder die Einflüsse angelsächsischer Missionare oder auch byzantinische Anregungen, die sich der Künstler aus Ravenna geholt haben muss. Stilistisch gibt es keine Vorbilder, daher tun sich die Fachleute schwer.

Der "Schaukler" frühmittelalterliches Fresko in St. Prokulus Naturns
Der "Schaukler" original

Selbst um wen es sich bei dem „Schaukler“ handelt, ist umstritten. Naheliegend wäre natürlich Prokulus, der Patron der kleinen Kirche, vierter Bischof von Verona, der um das Jahr 320 starb. Was das Heiligenranking angeht, steht Prokulus ziemlich weit hinten. In den einschlägigen Heiligenlexika ist er gar nicht so leicht zu finden - wenn überhaupt. Nach einer späteren Legende besuchte Prokulus als Bischof eifrig Gefangene (die Befreiung Gefangener gehörte zu den vornehmsten Aufgaben eines Bischofs), darunter die späteren Märtyrer Rusticus und Firmus. Prokulus suchte den Märtyrertod, scheiterte allerdings und musste sich mit einer gewaltsamen Vertreibung aus Verona zufriedengeben. Die Szene in Naturns könnte sich auf seine Flucht beziehen. Als Greis kehrte Prokulus wieder nach Verona zurück und starb dort eines natürlichen Todes. In Verona werden auch die Reliquien des Heiligen aufbewahrt. Bei dem „Schaukler“ könnte es sich aber auch um Paulus handeln, der bei seiner Flucht aus Damaskus in einem Korb über eine Mauer abgeseilt wurde. Angeblich sprechen Stirnglatze und Bart eher für Paulus, aber wer weiß schon, wie Paulus ausgesehen hat. Nur, dass es sich bei dem Abgebildeten um einen Heiligen handelt ist sicher, klar erkennbar an seinem Nimbus. 

Rinderherde. Fresko an der Westwand von St. Prokulus in Naturns
Rinderherde. Fresko an der Westwand von St. Prokulus
Er bewacht die Herde mit heraushängender Zunge: der Hirtenhund. Frühmittelalterliches Fresko St. Prokulus Naturns
Er bewacht die Herde mit heraushängender Zunge: der Hirtenhund

An der Westwand von St. Prokulus findet sich eine Rinderprozession, die sich in Richtung des Heiligen bewegt. Angeführt werden die Rinder von einem Herdenhund von stattlicher Größe, dessen Wachsamkeit sich an den aufgestellten Ohren und dem übergroßen Auge zeigt. Der heilige Proculus galt auch als Beschützer des Viehs. Huftiere hatten für das Vinschgau große wirtschaftliche Bedeutung. Manche sehen in den zwölf Rindern eine symbolische Darstellung der Apostel. Der Hund wäre dann als Christus zu sehen.

Im Vinschgau kreuzen sich mehrere wichtige Alpenübergänge. Naturns selbst liegt an der alten, gut ausgebauten Römerstraße Via Claudia Augusta, eine der wichtigsten Verkehrsadern der Römer nach Norden. In umgekehrter Richtung auch von einfallenden Barbaren gerne genutzt. Die Sicherung der Alpenübergänge war schon immer von großer Bedeutung. Im frühen Mittelalter erschloss man unsicheres Gelände in der Regel durch Kirchen und Klöster. Kein Wunder, dass sich in der Umgebung von Naturns einige alte Kirchen finden lassen. Da wäre das Kloster St. Johann in Müstair oder St. Benedikt in Mals, beide bekannt für ihre karolingischen Fresken. Und der heilige Corbinian legte Anfang des 8. Jahrhunderts mit Erlaubnis des bayrischen Herzogs eine Zelle bei Mais an (heute Meran). Der Ort liegt direkt an der Straße über den Jaufenpass.    

Literatur:

Hans Nothdurfter, St. Prokulus in Naturns, Lana 2004

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Kommentare: 1
  • #1

    Ralf Grabuschnig | deja-vu-geschichte.de (Dienstag, 15 Januar 2019 15:32)

    "Prokulus suchte den Märtyrertod, scheiterte allerdings", herrlich! Der Vergleich zu Comics passt hier aber wirklich wie die Faust aufs Auge. Gerade die Rinderherde ist doch herzallerliebst!