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Sieh! mich! an!

Filippino Lippi, Bildnis eines jungen Mannes

Der junge Mann ist sich seiner selbst sehr sicher, der Blick herausfordernd. Fast schon ein wenig von oben herab mustert er den Betrachter. Wir wissen nicht, um wen es sich bei dem Dargestellten handelt, doch es wird ein gut situierter junger Herr aus bester (bürgerlicher) Familie gewesen sein. Während man im Mittelalter wenig interessiert am Individuellen war und nur einen Typus abbildete (Herrscher oder Heiliger) erkannten im 15. Jahrhundert Adel und Bürgertum, wie nützlich ein Porträt zur Selbstdarstellung und Repräsentation sein konnte.

 

Bild: Filippino Lippi, Bildnis eines jungen Mannes,

um 1480/85

Holz, 52,1 x 36,5 cm

Washington, National Gallery of Art, Andrew W. Mellon Collection

© Courtesy National Gallery of Art, Washington, Andrew W. Mellon Collection   

Piero Pollaiuolo, Bildnis einer Frau im Profil, um 1475/80, Holz 54,5 x 34,8 cm, Florenz, Galleria degli Uffizi
Piero Pollaiuolo, Bildnis einer Frau im Profil, um 1475/80, Holz 54,5 x 34,8 cm, Florenz, Galleria degli Uffizi

Eine Besonderheit der Florentiner Porträtmalerei in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts waren Frauenporträts in strengem Profil. Nun hätte man ja nicht erwartet, dass eine Frau des 15. Jahrhunderts einem keck von der Leinwand entgegenlächelt, doch diese statischen unnatürlichen Porträts sind eine Sache für sich. Ungefähr 40 dieser Gemälde sind erhalten und in den meisten Fällen bleibt die abgebildete Frau eine Unbekannte. Die aufwendig ausstaffierten jungen Frauen mit hochgestecktem und nach der neuesten Mode blondiertem Haar sind Bräute im Hochzeitsornat. Die Porträts wurden von ihren Vätern oder einem anderen männlichen Verwandten in Auftrag gegeben. Es war eine Gelegenheit zu zeigen was man hatte: kostbare Kleider, wertvollen Schmuck, untadelige Schönheit. Öffentlich zur Schau tragen durfte man solchen Luxus in Florenz nur anlässlich der Hochzeit und in den ersten drei Ehejahren. Doch neben materiellen Gütern war der wertvollste Besitz der Frau ihre Tugendhaftigkeit, daher der züchtige, vom Betrachter abgewandte Blick. Solche Porträts hingen gerne im intimsten Raum des Palazzo, im Schlafgemach, als stete Mahnung an die Töchter. Auch besondere Gäste empfing man dort, denen die Sittsamkeit der Dame des Hauses dann auch gleich ins Auge stach. 

Sandro Botticelli, Bildnis einer Frau (Smeralda Brandini?), 1470-1475 Holz 65,7 x 41 cm London, Victoria and Albert Museum © Victoria and Albert Museum, London

Sandro Botticelli, Bildnis einer Frau (Smeralda Brandini?), 1470-1475

Holz, 65,7 x 41 cm

London, Victoria and Albert Museum

© Victoria and Albert Museum, London

Davide Ghirlandaio, Bildnis der Selvaggia Sassetti

Davide Ghirlandaio, Bildnis der Selvaggia Sassetti,

ca. 1488

New York, The Metropolitan Museum of Art, The Friedsam Collection, Bequest of Michael Friedsam, 1931


Sandro Botticellis Bildnis einer Frau, die gerade einen Fensterladen öffnet, wirkt dagegen geradezu revolutionär. Die Momentaufnahme einer intimen, häuslichen Verrichtung und gleichzeitig ein Blick in die Welt. Wie Alter, Haube und der schlichte Schmuck verraten, handelt sich um eine schon länger verheiratete Frau. In der Florentiner Porträtmalerei ist es das früheste erhaltene Beispiel einer Frau, die sich dem Betrachter zuwendet. Einige Jahre später entstand das Bildnis der etwa 18jährigen Selvaggia Sassetti, Tochter eines Bankiers und Frau eines reichen Florentiner Kaufmanns. Ihr wacher Blick fixiert uns geradezu. Doch auch sie ist eine untadelige Zierde des Hauses, als Zeichen ihrer Tugendhaftigkeit trägt sie eine Korallenkette.    

Selvaggia Sassetti und ihre Geschlechtsgenossinnen sind noch bis zum 27. Januar 2019 in der Alten Pinakothek in München zu sehen: Florenz und seine Maler. Von Giotto bis Leonardo da Vinci.

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