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Medicus oder Mirakel?

Möglichkeiten der Heilkunst bei Gregor von Tours


Ein Virus lässt unsere Welt stillstehen. Klopapier wird rationiert, Nudeln sind knapp und Tomatendosen aus. Offensichtlich hat die Menschheit beschlossen, ihre letzten Tage Pasta essend auf dem Klo zu verbringen. Kann man machen, muss man aber nicht. Blicken wir in vergangene Zeiten, in denen man sich entscheiden musste, ob man als Kranker lieber einem Arzt oder einem Heiligen vertraute. Besonders erfolgversprechend war beides nicht. Da haben wir es besser. Das hat doch auch etwas Tröstliches.

Suchfeld Duden mit dem Verweis auf die häufig nachgeschlagenen Wörter Klopapier, Pasta, Pesto und Reis
Merke: Auch beim Hamstern achte man auf die korrekte Schreibung!

Im 6. Jahrhundert, als Gregor von Tours sein Bischofsamt ausübte, war der Einzelne im Krankheitsfall seinem Schicksal viel stärker ausgeliefert als wir es uns heute vorstellen können. Wer krank wurde, hatte zwei Möglichkeiten. Man konnte einen Arzt aufsuchen oder man bat einen Heiligen um Hilfe. Ärzte richteten ihre Behandlung nach der antiken Säftelehre, die die Heilkunde bis weit in die frühe Neuzeit prägte. Vereinfacht gesagt wurde danach jede Krankheit durch ein Ungleichgewicht der vier körpereigenen Säfte, Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle, hervorgerufen. Diäten, Arzneimittel oder chirurgische Maßnahmen sollten verdorbene und überflüssige Säfte aus dem Körper entfernen. Gegenpart dieser aktiven, antik (und damit heidnisch) geprägten Heilkunst war das eher passive Hoffen auf ein christliches Heilungswunder. Dieses Wunder musste verdient werden - indem man zum Schrein eines Heiligen pilgerte und dort inbrünstig betete. Für die meisten war das die einzige Hoffnung auf Heilung.

Ein Vater schiebt seine gichtkranke Tochter zum Altar des heiligen Liudger in der Hoffnung auf Heilung

Ein Vater schiebt seine an Gicht erkrankte Tochter in einer Art Schlitten zum Altar, in dem die Gebeine des heiligen Liudger liegen. Solche Szenen spielten sich Tag für Tag an den Gräbern der Heiligen ab. Man glaubte, die Heiligen seien in ihren Gräbern gegenwärtig, ihre Seelen zwar im Himmel, aber mit ihren sterblichen Überresten verbunden. Genau genommen fungierte der Heilige nur als Vermittler, eine Heilung konnte nur durch Gott selbst erfolgen. Den meisten Menschen wird dieser feine Unterschied nicht bewusst gewesen sein. Miniatur aus der „Vita secunda sancti Liudgeri“, entstanden um 1100.

Der Arzt als dämonischer Versucher

Statuette, die den heiligen Martin auf dem Pferd zeigt. Er teilt seinen Mantel und gibt ihn dem vor ihm stehenden Bettler
St. Martin und der Bettler, Elfenbein, Köln oder Mainz um 1320, © Victoria & Albert Museum, London

Gregor von Tours hatte für Ärzte nicht viel übrig. Mit dem heiligen Martin wies Tours ja auch einen wirkmächtigen Heiligen und eine viel besuchte Pilgerstätte auf. Der Legende nach soll Martin bereits zu Lebzeiten Tote erweckt haben. Gregor betrieb also Werbung in eigener Sache, wenn er Mediziner schmähte. In seinen „Zehn Bücher Geschichten“ berichtet er ein klein wenig schadenfroh vom Archidiakon Leonast von Bourges, dem ein Schleier vor die Augen fiel (der graue Star?). Der Archidiakon fragte zunächst verschiedene Ärzte um Rat, die ihm jedoch nicht helfen konnten. Verzweifelt suchte er die Kirche des heiligen Martin im 160 Kilometer entfernten Tours auf, betete und fastete dort mehrere Monate, bis er wieder anfing zu sehen. Da er sein Augenlicht nicht vollständig wiedererlangte, suchte er zu Hause einen jüdischen Arzt auf (viele Ärzte waren jüdischen Glaubens), der ihm Schröpfköpfe auf die Schulter setzte. Das hätte Leonast besser nicht getan, denn er erblindete wieder. Auch das erneute Aufsuchen der Kirche des Heiligen half nichts. So etwas nennt man Strafwunder oder um Gregor zu zitieren: Die Macht des Heiligen zeigt sich auch in der Züchtigung der Toren. Augenleiden hatten - besonders bei Geistlichen - auch eine übertragene Bedeutung. Wer nicht sieht, ist unfähig, die Wahrheit des christlichen Glaubens zu erkennen.

In eigener Sache war Gregor übrigens weniger konsequent. Als er an einer Art Migräne litt, setzte er zunächst erfolgreich auf die Fürsprache Martins. Zur Sicherheit ließ er doch noch einen Aderlass durchführen. Als die Prozedur nach drei Tagen wiederholt werden sollte, wurde Gregor von Verzweiflung übermannt. Er sah die medizinische Behandlung als dämonische Versuchung, der es zu widerstehen galt, eilte in die Kirche, bat Gott inbrünstig um Vergebung. Und der erwies sich - anders als beim für sein Amt offensichtlich ungeeigneten Archidiakon -  als gnädig.

Das gefährliche Leben der Ärzte

Nicht nur den wenig glaubensfesten Patienten, auch den Ärzten selbst wird bei Gregor übel mitgespielt. Wie Marileif, der Leibarzt des merowingischen Königs Chilperich, der in die politischen Auseinandersetzungen des Königs mit seinem Sohn und seinem Bruder Gunthram geriet. Marileif war ein Aufsteiger. Seine Brüder arbeiteten als Leibeigene in den Küchen und Bäckereien des Königs, sein Vater war für die Mühlwerke zuständig. Leider erwähnt Gregor nicht, warum und wo Marileif seine medizinische Ausbildung erhalten hatte. Vielleicht zeigte er eine außergewöhnliche Begabung und wurde entsprechend gefördert. Er scheint dem König jedenfalls wertvolle Dienste geleistet zu haben. Dafür erhielt Marileif seine Freiheit und ein üppiges Honorar. Chilperichs Gegner sahen in dem Arzt ein lohnendes Ziel, um sich am König zu rächen. Als Marileif von einer Visite beim König zurückkehrte, wurde er überfallen, seiner offenbar großen Barschaft beraubt und schwer misshandelt. Damit nicht genug. Nach Chilperichs Tod nahmen Gunthrams Leute dem schutzlosen Marileif sein stattliches Vermögen, seine Pferde, sein Gold und Silber, und gaben ihn wieder in die Leibeigenschaft. Ob er danach wie seine Brüder in der Küche arbeitete, ist nicht bekannt.

Reliquienkästchen mit den Überresten des heiligen Wigbert
Kästchen mit Reliquien des heiligen Wigbert, Fritzlar

So schwer Marileifs Schicksal auch war: Manche Ärzte überlebten ihren Einsatz beim Patienten nicht. Als Gunthrams Frau, Königin Austrigilde, im Sterben lag, vermutlich litt sie an der Ruhr, forderte sie von ihrem Mann den Tod ihrer Ärzte, da deren Tränke ihr alle Lebenskraft genommen hätten. Gunthram hielt sich an sein Versprechen und ließ nach dem Tod der Königin die beiden Ärzte mit dem Schwert hinrichten. Ganz unbegründet war das Misstrauen gegenüber den Medizinern nicht. Es gab keine geregelte Ausbildung, Behandlungsmethoden beruhten auf überliefertem antikem Wissen, Erfahrung und christlich verbrämten magischen Praktiken, wie dem Einsatz von Reliquien (statt heidnischer Amulette). Das konnten Nägel oder Haare eines Heiligen sein oder auch ein Tuch, das man auf sein Grab gelegt hatte. Ein Heiliger konnte nicht nur aus seinem Grab als Fürsprecher agieren, auch seinem Leichnam selbst oder den Dingen, die er berührt hatte, wurde eine heilkräftige Wirkung zugeschrieben. Die Teilung von Leichnamen zur Gewinnung von Reliquien war zu Gregors Zeiten noch nicht üblich. Nachwachsende Körperteile wie Nägel oder Haare durfte man aber abschneiden. Mancher Heilige war so freundlich und ließ beides noch jahrelang nachwachsen.

Vielleicht sollte man sich doch besser an das römische Urgestein Cato den Älteren halten, der empfahl, bei Beschwerden aller Art eine anständige Portion Kohl zu verzehren. Cato wurde immerhin 80 Jahre alt. Kam aber auch immer etwas verkniffen rüber.