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Multikulti am äußersten Rand der Welt - Glaubensfragen (Haithabu 3)

Gokstad Schiff
Von dem Schiff im Bootkammergrab haben sich nur noch ein paar Nieten erhalten. Das ist das norwegische Gokstad Schiff. Ein Wikingerschiff aus dem späten 9. Jahrhundert. Im Heck fand sich die Grabkammer eines Mannes.

Es muss ein aufsehenerregendes Begräbnis gewesen sein, das den drei Männern Anfang des 9. Jahrhunderts zuteil wurde. Man hatte die Verstorbenen in eine Holzkammer in der Größe eines heutigen Kinderzimmers gelegt und ihnen ihre kostbare Kriegsausrüstung mitgegeben. Einer der Männer, der bedeutendste der drei, wurde mit seinem karolingischen Schwert (ein begehrter Exportschlager des Frankenreiches) und seinen persönlichen Habseligkeiten, darunter ein Kamm, eine Bernsteinperle und ein kostbarer Kelch aus grünem Glas begraben. Offensichtlich pflegte dieser Herr einen gehobenen Lebensstil, den er auch im Jenseits nicht aufgeben wollte. Zur Ausrüstung gehörten noch drei Pferde und ein Boot (eher ein Schiff) mit ungefähr 20 Metern Länge. Über alles schüttete man einen gewaltigen Grabhügel, 40 Meter im Durchmesser, der schon von weitem zu sehen gewesen sein muss. Das ist das berühmte Bootkammergrab von Haithabu. Man wird wohl niemals herausfinden, wer diese Männer waren, wie sie hießen und woher sie kamen, denn schriftliche Quellen gibt es kaum. Sicher ist nur, sie gehörten zur Führungsschicht, zu den Superreichen des Handelsplatzes Haithabu. Und vermutlich starb nur der Anführer der drei eines natürlichen Todes, die anderen folgten ihrem Herrn mehr oder weniger freiwillig ins Jenseits.

Religionsfreiheit

Bernsteinkreuz
Bernsteinkreuz neu

Ungefähr zu der Zeit, als die beiden Männer für das heidnische Begräbnis getötet wurden, ließ der Mönch und Missionar Ansgar eine christliche Kirche in Haithabu errichten: Schon länger hätten dort zahlreiche Christen gelebt, darunter viele Mitglieder der Führungsschicht, die eine Kirche schmerzlich vermissten. Es war nicht mehr als ein bescheidener Holzbau, genehmigt vom dänischen König Horik I. Der König ging noch einen Schritt weiter, er soll auch seinen eigenen Leuten erlaubt haben, zum Christentum überzutreten. Horiks Bekenntnis zur Religionsfreiheit hatte wirtschaftliche und politische Gründe. Die Kirche war ein wichtiger Standortfaktor, um christliche Händler nach Haithabu zu ziehen. Schon an anderen Handelsplätzen hatte sich das positiv ausgewirkt. Außerdem war Horik an guten Beziehungen zum benachbarten Frankenreich interessiert. Horik hatte genug damit zu tun, sich die Konkurrenten aus der Verwandtschaft vom Hals zu halten.    

Nur ein Gott?

Der karolingische Kaiser Ludwig der Fromme hatte Ansgar 826 als Begleiter des frisch getauften Dänen Harald Klakk in den Norden geschickt. Er sollte die Heiden vom rechten Glauben überzeugen. Besonders erfolgreich war er nicht. Wikinger galten als Feinde des Christentums, weil sie bevorzugt Klöster angriffen, die reiche und leichte Beute versprachen. Die Ablehnung des Christentums hatte wohl eher politische Gründe. Man wollte nicht Teil der fränkischen Kirchenorganisation sein. Nicht zu Unrecht sah man in der Mission eine Bedrohung der Eigenständigkeit. Außerdem hatten die Wikinger ein Problem mit diesem eifersüchtigen Christengott, der keine anderen Götter neben sich dulden wollte. Einen neuen Gott in die eigene Götterwelt zu integrieren, wäre kein Problem gewesen, doch alle anderen Götter auszuschließen, entsprach nicht heidnischen Vorstellungen. Und natürlich war es für eine Kriegergesellschaft schwierig, einen Gott zu akzeptieren, der einen schmachvollen Tod am Kreuz gestorben war. Doch man war nicht kleinlich und nahm sich das Beste aus beiden Welten, Wikinger trugen Thorhämmer und Kreuze als Amulette und Siegeszeichen. Das waren die üblichen Probleme bei der Mission. Die Christianisierung war ein langer Prozess.

Perlen und kreuzförmiger Anhänger. Wikingerzeit.
Perlen und kreuzförmiger Anhänger Norwegen. © Museum of Cultural History, University of Oslo/Eirik Irgens Johnsen

Zwischen zwei Welten

Das Leben in Haithabu war ein Leben auf der Grenze, auf der einen Seite die skandinavisch-heidnische Welt der Wikinger, auf der anderen die christliche der Franken. Man hat in Haithabu Gräber von Skandinaviern (vor allem Dänen), Franken, Sachsen, Nordfriesen und Slawen gefunden. Der Übergang von der Brand- zur Körperbestattung erfolgte deutlich früher als im Umland, auch finden sich deutlich weniger Beigaben. Möglicherweise ist das auf christlichen Einfluss zurückzuführen, der sich an diesem „multikulturellen“ Handelsplatz schneller durchsetzte. Prunkvolle Bestattungen wie das Bootkammergrab waren die absolute Ausnahme. Ende des 10. Jahrhunderts hatten sich die Beerdigungsformen in Haithabu weitgehend angeglichen, man kann anhand der Gräber nicht mehr auf die Herkunft der Toten schließen. Offenbar war eine einheitliche Bevölkerung an dem Handelsplatz entstanden. Allerdings hat man bis jetzt erst ungefähr ein Zehntel der Gräber untersucht (es sollen mindestens 10.000 sein).    

Ein hausgemachtes Ende

Wohnhaus in Haithabu
Hyggelig: Typisches Haus in Haithabu mit erhöhten Schlaf- und Sitzgelegenheiten an den Wänden. In der Mitte das Feuer. Für die Bessergestellten.

Da war das Ende Haithabus aber auch nicht mehr fern. 1050 und 1066 wurde die Stadt von norwegischen Wikingern und/oder Slawen überfallen und zerstört. Die andere Ursache für den Niedergang Haithabus war hausgemacht. Es rächte sich, dass die Einwohner den Hafen als bequeme Müllkippe für Abfälle aller Art und die Ballaststeine der Schiffe benutzt hatten. Über drei Jahrhunderte hatte man die Hafenanlagen immer wieder an neue Entwicklungen im Schiffsbau angepasst. Doch der Hafen  verlandete und die aufwendigen Stege mussten immer weiter ins Wasser gebaut werden. Ein Wiederaufbau der Stadt lohnte sich nach der Zerstörung von 1066 nicht mehr. Die Einwohner gaben die Siedlung auf und verlegten sie ans andere Ufer der Schlei, nach Schleswig.    

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