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Wer will schon Gaby heißen?

Ein Streifzug durch die Geschichte der Vornamen

Tafel mit der Aufschrift: Dein Name sei ?

„Lieber doof sein als Gaby heißen“, schmetterte die „Kleine Tierschau“ in den juxaffinen 90er Jahren. Und so manche Trägerin dieses Namens sah sich der nur schlecht als Mitgefühl getarnten Häme ihrer Zeitgenossen ausgesetzt. Wer mit einem unbeliebten Vornamen geschlagen ist, bleibt angeblich eher Single, raucht mehr und hat ein niedrigeres Selbstbewusstsein als all die Emmas, Sophias, Pauls und Finns. Es gilt also, frühzeitig die richtigen Weichen zu stellen. Brett Pelham, der am Montgomery College (Germantown, Maryland) Psychologie unterrichtet, ist der Überzeugung, dass der Mensch eine unbewusste Affinität zu allem hat, was seinem Namen ähnelt. Das ließe sich bei der elterlichen Karriereplanung für den Sprössling einsetzen. Auffallend häufig würden Dennis und Denise Dentisten, Georges Geowissenschaftler und Lawrence und Laure machten irgendwas mit Recht (Law) [siehe: Süddeutsche Zeitung 2.1.2012]. Wenn Ihnen für Ihre Tochter eine Karriere als Chirurgin vorschwebt, sollten sie vielleicht den Namen Chiara in Erwägung ziehen, für einen zukünftigen Bundeskanzler könnte man Burkhard wählen.

Begrenzte Auswahl für Römer

Laut dem britischen Elternforum „Mumsnet“ ist jede fünfte Mutter der Ansicht, ihrem Kind einen falschen Namen gegeben zu haben. In den USA nennt man das „baby naming anxiety“. Da hatte man es in früheren Zeiten doch einfacher. Den Römern stand nur eine begrenzte Anzahl von Vornamen zur Verfügung. Allgegenwärtig waren Marcus, Lucius, Gaius oder Publius. Der wichtigste Bestandteil des Namens war ohnehin der Gentilname, der kenntlich machte, zu welcher Familie (väterlicherseits) man gehörte (damit war die künftige Karriere auch schon vorgezeichnet). Da es bei der begrenzten Auswahl an Namen zu Verwechslungen kam, bürgerte sich ein individueller Namenszusatz, das cognomen, ein. Damit hätten wir Marcus Tullius Cicero. Mädchen erhielten oft gar keinen eigenen Vornamen. Sie trugen die weibliche Form des Familiennamens, so hieß Ciceros Tochter Tullia. Bei mehreren Töchtern nummerierte man dann einfach durch.

Verwirrende Variationen im frühen Mittelalter

Die in der Spätantike ins Römerreich einsickernden „Barbaren“ waren noch anspruchsloser und begnügten sich mit einem einzigen Namen. Der musste genügen, um den einzelnen zu identifizieren und die Familienzugehörigkeit (wichtig!) zu dokumentieren. Um etwas Abwechslung in die Namensgebung zu bringen, variierte man die Namensbestandteile. Der merowingische König Chlodwig und seine Frau Chrodechild nannten ihre Kinder Chlothar, Childebert, Chlodechild, Chlodomer und, etwas aus dem Rahmen fallend, Ingomer. Daher haben wir bei den Merowingern diese verwirrende Fülle an ähnlich lautenden Namen.

Das Verfahren der Namensvariation praktizierten nicht nur Königsfamilien, auch unfreie Bauern machten das so. Man kann das klösterlichen Abgabenverzeichnissen entnehmen. Die meisten Paare gaben einen Namensbestandteil an ihre Kinder weiter und zwar - fast - gleichberechtigt, unabhängig vom Geschlecht des Kindes. Jungen konnten auch einen Namensbestandteil der Mutter tragen. Ein Einfluss des Grundherrn auf die Namensgebung ist nicht zu erkennen. Adalharius und Randoildis, dem Kloster Saint-Germain-des-Prés abgabenpflichtig, nannten ihre Kinder Ratbertus, Ratgis und Adalhildis. Man kann daraus schließen, dass auch in bäuerlichen Schichten ein Familienbewusstsein existierte. Das war lange bezweifelt worden. Die Weitergabe des Namens als Variation wurde in den Unterschichten auch noch praktiziert, als vornehmere Familien im 9. Jahrhundert dazu übergingen, Namen unverändert weiterzugeben. Damit die Historiker bei den vielen gleichnamigen Herrschern nicht den Überblick verlieren, machen sie es wie die Römer: Sie vergeben Beinamen (Karl der Dicke, Karl der Einfältige) oder nummerieren einfach durch (Heinrich I, II. III.).

Christliche Namen kommen auf

Das christliche Mittelalter gewöhnte sich erst langsam an christliche Namen. Nicht einmal Männer der Kirche störten sich daran, wenn ihr Name an heidnische Götter erinnerte. Lediglich Mercurius änderte als erster Papst im Jahr 533 seinen Namen in Johannes. Er fand es unpassend, mit dem Namen des heidnischen Götterboten die Nachfolge Petri anzutreten. Erst im 11. Jahrhundert wurde der päpstliche Namenswechsel zur Regel. Ungefähr um diese Zeit kamen auch die ersten christlichen Namen auf. Richtig ernst mit der christlichen Namensgebung wurde es 1614. Das Rituale Romanum verpflichtete Priester, bei der Taufe darauf zu achten, dass der Täufling einen Namen erhielt, der ihm Vorbild und Schutz sein könne. Die katholische Kirche empfahl die Namen von Heiligen. Die Protestanten befürworteten (natürlich) biblische Namen. Und Pietisten wollten ihren Kindern mit dem Namen gleich eine Aufforderung zur korrekten Lebensführung mitgeben, so entstanden appellative Namen wie Fürchtegott, Traugott, Gotthold und angeblich für Mädchen auch Keuschlebin. Schaut man auf die „Namensbestenliste“ 2018 findet man unter den Top Ten auffallend viele biblische Namen (Elias, Noah, Hanna). Religiöse Gründe spielen für die Eltern bei der Namensvergabe wohl kaum noch eine Rolle, es sind eher die wohlklingenden dunklen Vokale.

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