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Aquariumprofis im alten Rom

Fisch statt Politik

Echidna nebulosa - die Sternfleckenmuräne
Echidna nebulosa. Die Sternfleckenmuräne fand sich vermutlich in keinem römischen Fischteich. Heute jedoch ist sie die beliebteste Muräne bei ambitionierten Aquaristen.

Gaius Lucilius Hirrus züchtete Fische in großem Stil. Er „lieh“ Cäsar anlässlich eines Triumphzugs (45 oder 46 v.Chr.) 6000 Muränen für ein öffentliches Festmahl. Das berichtet jedenfalls Plinius der Ältere. Hirrus soll seine Fische so geliebt haben, dass er um keinen Preis bereit war, sie zu verkaufen. Cäsar erhielt sie als Vorschuss. Wie Cäsar diesen Vorschuss zurückgezahlt hat, ist nicht überliefert. Glaubt man Plinius, waren 6000 Muränen in den Mägen hungriger Römer gelandet. Hirrus war Geschäftsmann und Politiker, soweit es darum ging, sein Vermögen zu schützen. Er war einer der ersten, der seine Villen mit weitläufigen (Salzwasser-)Fischteichen schmückte. Darin soll er tausende Muränen ausschließlich zur Zierde gehalten haben. Nach Cäsars Ermordung wurde er verfolgt, wohl weniger aus politischen, mehr aus wirtschaftlichen Gründen. Er selbst konnte sich nach Sizilien retten, doch seine Villen und Fischteiche wurden versteigert.    

Vom Nahrungsmittel zum Haustier

Römische Bauern hatten schon immer Fische in Süßwasserteichen gezüchtet für den Eigenverbrauch und zum Verkauf. Die kommerzielle Zucht in aufwendigen Meerwasserbecken setzte im 1. Jahrhundert v.Chr. ein. Nur Angehörige der Oberschicht konnten eine solche Investition tätigen. Die Becken hatten riesige Ausmaße, sie waren durch Kanäle mit dem Meer verbunden oder wurden ins Meer hinein gebaut. Durch Vorsprünge und eingebaute Amphoren schützte man die wertvollen Fische vor Sonne. Außerdem musste immer für eine ausreichende Zufuhr von Süßwasser gesorgt werden, damit die Salzkonzentration in den Becken durch die Verdunstung nicht zu hoch wurde. Wollte man die Fische so halten, dass sie länger überlebten, war das ein defizitäres Geschäft. Bald wurden Fische vor allem zur Zierde gehalten, dabei setzte man entweder auf die schiere Menge oder auf seltene Exemplare, schwer zu beschaffen und schwer zu halten. Seit Mitte des 1. Jahrhunderts v.Chr. wurden Fische zum Statussymbol. Zu einem gehobenen Lebensstil gehörten Fische als Haustiere (und als Nahrungsmittel).

Lieblingsfisch

In Mode waren Meerbarben, Wolfsbarsche, Goldbrassen, Meeräschen und vor allem Muränen. Die Muräne war der Koi der römischen Antike. Eigentlich ist die Mittelmeermuräne, Muraena helena, kein besonders hübscher Fisch, allerdings war er in Rom als Speisefisch äußerst beliebt. Ein römisches Kochbuch empfiehlt gekochte Muräne mit einer Soße aus Pfeffer, Pinienkernen, Datteln, Senf, Honig, Essig, Likörwein und anderen Ingredienzien. Kein Essen für Arme. Muränen sind eigentlich Einzelgänger und ihr Biss ist giftig, es dürfte nicht einfach gewesen sein, sie zu hunderten oder tausenden zu halten.

Bodenmosaik mit essbaren Fischen, vermutlich aus dem Speiseraum einer Villa
Bodenmosaik mit essbaren Fischen, vermutlich aus dem Speiseraum einer römischen Villa, um 100. Leider bin ich kein Fischexperte, aber könnte sich rechts nicht eine Muräne tummeln? © Trustees of the British Museum

Dekadenz als Programm

Diese Art der Fischhaltung war eine Provokation gegen die altrömischen Kerntugenden Sparsamkeit und Bescheidenheit. Ein Teil der reichen Oberschicht inszenierte ganz bewusst ein Leben in Dekadenz und Verschwendung abseits einer politischen Karriere. Zunächst galten die Fischzüchter als würdelos und degeneriert. Cicero verwandte mehrfach abwertend den Ausdruck piscinarii für Männer, denen ihre Lieblingsfische wichtiger als eine Ämterlaufbahn waren. Was man da an Anekdotischem liest, klingt ja auch seltsam, Männer lösen sich beim Tod ihrer favorisierten Muräne in Tränen auf, die armen Fische werden mit teuren Perlenohrringen gepierct oder sonstwie mit Schmuck behängt, angeblich sollen sogar aufmüpfige Sklaven an die Tiere verfüttert worden sein. (James Bond lässt grüßen.)

Doch Cicero mochte noch so sehr spotten, öffentlich zur Schau gestellter Luxus wurde zu einem gesellschaftlichen Leistungsnachweis. Zeige mir deine Fische und ich sage dir, wer du bist. Wer heute etwas auf sich hält, hat einen Tesla bestellt und eine mit allem Schnickschnack ausgestattete Designerküche im Haus. Im Rom der Jahrtausendwende waren es Fischteiche. Cäsar, der schon vor Beginn seiner politischen Karriere hoch verschuldet war, und sich dann bei seinen Militäraktionen reich plünderte, erschien es jedenfalls vorteilhaft, sich den Römern mit Muränen zu präsentieren. Wer hätte angesichts tausender Muränen - und waren sie auch nur geliehen - an seiner Macht und Kreditwürdigkeit zweifeln können? Unter Augustus wurde die Senatsaristokratie weitgehend entmachtet, die Energie der Elite erschöpfte sich im Fischezüchten. Für hochwertige Immobilien waren Fischteiche und wertvoller Fischbesatz ein Muss, die Preise für entsprechend ausgestattete Villen schossen in die Höhe.    

Weniger Fisch

Mit der Flavischen Dynastie in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts n.Chr. endete die Fischmanie der Römer nach etwa 100 Jahren. Ein bescheideneres Zeitalter war angebrochen. Die Römer gaben ihre Liebe zu den Fischen auch jetzt nicht völlig auf. Man hielt jedoch nicht mehr solche Mengen und auch weniger exklusive Arten.

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Die Römer und ihr Faible für Fisch. Zum Blogeintrag hier klicken.

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