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Balthild - (mehr als) fromm und fruchtbar (1)

Balthild macht den Anfang einer kleinen Reihe über merowingische Königinnen. Es war gar nicht so ungewöhnlich, dass in der kriegerischen Männerwelt des frühen Mittelalters Frauen Macht ausübten. Merowingische Königinnen verfügten über einen eigenen Hofstaat und eigenes Vermögen, starb ihr Ehemann übernahmen sie selbstverständlich die Regentschaft für ihre minderjährigen Söhne. Bei der Wahl ihrer Ehefrauen nahmen die Könige einen royalen Sonderstatus in Anspruch und setzten sich über soziale Schranken hinweg. Selbst eine Dienstmagd konnte zu Zeiten der Merowinger Königin werden. Es war (fast) wie im Märchen, nahm allerdings selten ein gutes Ende. Und da es über Balthild so viel zu sagen gibt, ist daraus bereits eine zweiteilige Serie geworden. Teil zwei folgt nächste Woche. Versprochen!    

Desborough Halskette, England, British Museum London
Desborough Halskette, England, spätes 7. Jahrhundert. Die Kette orientiert sich an kontinentaler Mode. Ein Beleg für den regen Austausch zwischen Kontinent und Insel. British Museum London

Von der Sklavin zur Königin?

Auch das Mittelalter kannte schon Herzblattgeschichten: Die ebenso schöne wie tugendhafte Balthild (ca. 635 - 680) kam als Sklavin aus dem fernen England in den Haushalt Erchinoalds, des wohl mächtigsten Mannes Neustriens. So nannte man den westlichen Teil des Frankenreiches. Durch ihre Klugheit und Bescheidenheit fiel sie dem verwitweten Hausherrn auf, der sie schließlich zur Frau nehmen wollte. Doch die fromme Balthild verschmähte die Ehe generell und insbesondere die Ehe mit einem Witwer. Sie versteckte sich in einem abgelegenen Teil des Hauses unter Lumpen, bis Erchinoalds Leidenschaft abgekühlt war und er eine andere heiratete. Solchermaßen saturiert lenkte Erchinoald die Aufmerksamkeit Chlodwigs II., des mit 15 Jahren gerade volljährig gewordenen Königs Neustriens (und Burgunds), auf die schöne Balthild, die sich einem zweiten Antrag nicht mehr widersetzen konnte. Und so stieg Balthild von der Sklavin zur Königin auf. Jedenfalls wenn man ihrer Vita (Lebensbeschreibung einer/s Heiligen) glaubt, die kurz nach ihrem Tod geschrieben wurde. Historiker sind heute mehrheitlich der Ansicht, dass Balthild aus einem englischen Adelsgeschlecht stammte, vielleicht sogar aus einem Königshaus. Ob sie wirklich Sklavenhändlern in die Hände fiel? Möglich, wobei sich dann die Frage stellt, warum man nicht ein Lösegeld von ihrer Familie erpresste, anstatt sie zu einem geringen Preis, wie es in ihrer Vita heißt, zu verkaufen. Erchinoald hatte, wie viele Franken, nachweislich gute Kontakte zum angelsächsischen Adel. Andererseits gab es einen regen Sklavenhandel zwischen Insel und Kontinent. Wie auch immer, Erchinoald wählte für den König eine Frau, auf die er Einfluss zu haben glaubte.

Münze mit dem Abbild Chlodwigs II.
Münze mit dem Abbild Chlodwigs II. Nicht, dass er wirklich so ausgesehen hätte.

Früh verwitwet

Über Balthilds Ehemann wissen wir nicht allzu viel, er soll vor allem an Frauen, Essen und Trinken interessiert gewesen sein. Völlerei und Wollust führen selten zu seinem guten Ende und so starb Chlodwig II. bereits 657 mit etwa 23 Jahren. Es war ein Glück für die ehrgeizige und machtbewusste Balthild, dass sie in den acht Jahren ihrer Ehe drei Söhne zur Welt gebracht hatte. An die Spitze rückten Frauen letzten Endes durch biologische Zufälle, den frühen Tod des Ehemannes, die Geburt eines Sohnes. Die Franken, so heißt es in den Quellen, bestimmten den ältesten der drei Brüder, den etwa siebenjährigen Chlothar III., zum König. Balthild übernahm die Regentschaft für ihren minderjährigen Sohn. Das war die übliche Verfahrensweise. Interessanterweise wählte man nie einen männlichen Verwandten, zu leicht hätte er den kleinen König zur Seite drängen können. Da fuhr man mit einer Frau doch besser. Die wichtigste Aufgabe eines Königs war es, die mächtigen Familien zufriedenzustellen und in einem sorgfältig austarierten Gleichgewicht zu halten. Das war schon in normalen Zeiten nicht einfach, noch schwieriger war es unter der Herrschaft eines erst siebenjährigen Kindes. Entscheidend war der ungehinderte Zugang zum Schatz: Wer keine Wohltaten verteilen konnte, hatte schon verloren. Idealerweise scharte die Königin bereits zu Lebzeiten ihres Ehemannes einen Kreis von Vertrauten um sich. Die Situation merowingischer Ehefrauen war immer etwas prekär. Es war nicht allzu schwer, sie durch eine jüngere, sexuell anziehendere, wohlhabendere oder was auch immer Nachfolgerin zu ersetzen. Balthild stützte sich auf einen Beraterkreis aus Bischöfen und dem neuen Hausmeier Ebroin, der Balthilds „Käufer“ Erchinoald in dieser Position abgelöst hatte. (Hausmeier = Verwalter, der mächtigste Mann am Königshof.) Inwieweit die Ernennung des neuen Hausmeiers, der in einer Quelle naserümpfend als Emporkömmling bezeichnet wird, auf Balthild zurückgeht, entzieht sich unserer Kenntnis.

Eine typisch weibliche Lösung?

Karte Frankenreich
Karte Frankenreich

Im östlichen Teil des Frankenreiches, Austrien genannt (s. Karte), versuchte gerade eine mächtige Familie (es handelt sich um die späteren Karolinger) auf ziemlich krummen Wegen die Königswürde zu erlangen. In Austrien herrschte ein Schwager Balthilds, der Halbbruder ihres Mannes. Dessen Ehe war kinderlos. Der (karolingische) Hausmeier überredete ihn, seinen Sohn zu adoptieren, damit dieser die Nachfolge antreten könne. Dann bekam der König doch noch Kinder: einen Sohn und eine Tochter. Nach des Königs Tod wurde der leibliche Sohn flugs in ein irisches Kloster abgeschoben und der Adoptivsohn beanspruchte die Königswürde, was auch eine Weile mehr oder weniger gut ging. Am Ende waren der Hausmeier und der Adoptivsohn tot, nicht ohne Zutun des neustrischen Hausmeiers Ebroin, der das Frankenreich gerne vereint gesehen hätte. Man fand in dieser verzwickten Situation eine überraschende Lösung: 662 heiratete der jüngste Sohn Balthilds die verbliebene austrische Königstochter, seine Halbcousine. Man sah großzügig darüber hinweg, dass beide noch Kinder waren und es sich außerdem um eine Inzestehe handelte. Die Mutter der Braut übernahm die Regentschaft für ihren minderjährigen Schwiegersohn. Ihr leiblicher Sohn blieb in Irland. Es war ein klassischer Kompromiss mit leichten Vorteilen für Neustrien. Ein Kinderkönig aus der neustrischen Königsfamilie unter der Regentschaft einer austrischen Königin - mehr war dem austrischen Adel nicht vermittelbar. Man feierte die Lösung als Wiederherstellung einer friedvollen Ordnung. War dies ein Besetzungscoup Balthilds, ein Beispiel frühmittelalterlicher Frauenpower, ausgeheckt von den beiden Schwägerinnen? Man liest das manchmal in neueren Publikationen. Mag sein. Doch nur weil zwei Frauen beteiligt waren, ist das noch lange kein Beleg für ein Frauennetzwerk. Ungewöhnlich ist allerdings die Regentschaft einer Königin für ihren Schwiegersohn. Aber auch Männer kommen manchmal auf ungewöhnliche Lösungen.

Skrupel- oder machtlos?

Byam Shaw Jezebel mit zwei Dienerinnen
Typus der verführerischen, mordlüsternen (und exotischen) Königin: Jezebel. Gemalt von Byam Shaw 1896. Russell-Cotes Art Gallery & Museum, Bournemouth

Mit der friedvollen Eintracht war es ohnehin nicht weit her. Dem Bischof von Lyon wurde Verrat vorgeworfen, er und sein Bruder wurden vorgeladen, sich vor dem König und seiner Mutter zu verantworten. Der Bischof, der zu Recht ein für ihn unvorteilhaftes Urteil fürchtete, entschuldigte sich mit Krankheit, sein Bruder wurde hingerichtet. Man beschloss, den Bischof mit Gewalt vor Gericht zu laden, bei dieser Aktion wurde er ermordet. Es lässt sich nicht mehr feststellen, inwieweit dies auf Veranlassung Balthilds geschah, doch sie nutzte die Gelegenheit und brachte einen ihrer Vertrauten auf den Bischofsstuhl von Lyon. Der untadelige spätere Heilige Wilfrid von York, der als Gast des Bischofs in Lyon gelebt hatte, verdammte die neustrische Königin als zweite Jezebel (Die verführerische Jezebel war laut Altem Testament verantwortlich für die Verfolgung und Ermordung heiliger Männer), was neben Ehebruch so ziemlich zum Schlimmsten gehörte, was man einer Königin vorwerfen konnte. Auf ihren Befehl hin sollen nicht weniger als neun Bischöfe getötet worden sein. Nachweisen lässt sich das nicht. Andere Quellen betonen, die Ermordung des Bischofs sei gegen ihren Willen geschehen. Man lastete dies Männern aus dem Umfeld der Königin an, was im Umkehrschluss bedeutet, dass Balthild die Dinge nicht immer im Griff hatte.

Nächste Woche Teil 2: Auch eine sehr fromme Königin geht nicht immer freiwillig ins Kloster.

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