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Wanderlust

Die Alte Nationalgalerie in Berlin widmet sich der Lust am selbstbestimmten Gehen.

Logo Ausstellung Wanderlust
Wanderlust. Von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir. Logo © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie

Das Wandern war lange eher Last als Lust. Man ging zu Fuß, wenn man sich weder Kutsche noch Pferd leisten konnte. Nur zum Vergnügen war niemand unterwegs. Handwerker, Händler, Soldaten gingen, weil sie mussten. Freiwillig hinaus in die Natur, um die Schönheit der Landschaft zu genießen? Zweckfreies Gehen lag außerhalb des Vorstellungsvermögens eines jeden Europäers. Eine Einstellung, die heute noch bei pubertierenden Teenagern verbreitet ist. Es bedurfte der Parole „Zurück zur Natur!“ des Sturm und Drangs um die Menschen hinauszutreiben. Das Wandern, das ab 1800 zu einer gesamteuropäischen (bürgerlichen) Bewegung im wahrsten Sinne des Wortes wurde, hatte nichts mit piefigen Karohemden und Multifunktionshosen zu tun, es war eine Revolution. Der Bürger eignete sich frei ausschreitend die Natur an, im Gegensatz zum Adel, der sich fahren oder tragen ließ und dem Handwerker, der sich zweckfreies Gehen nicht leisten konnte.

Genie trifft Geld

Gustave Courbet, Die Begegnung oder Bonjour Monsieur Courbet
Gustave Courbet, Die Begegnung oder Bonjour Monsieur Courbet, 1854, Öl auf Leinwand, 132 x 150,5 cm, Musée Fabre, Montpellier, © Musée Fabre de Montpellier Méditerranée/Frédéric Jaulmes

Die Alte Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel hat die Wanderlust entdeckt und zeigt rund 120 Bilder zum Thema. Es ist die erste Ausstellung, die sich dem selbstbestimmten Ausschreiten widmet, man mag es kaum glauben. Zu sehen ist unter anderem Gustave Courbets berühmtes Gemälde „Begegnung“ aus dem Jahr 1854. Der Künstler, mit Wanderstock und Malutensilien auf dem Rücken, trifft mit seinem Mäzen Alfred Bruyas und dessen Diener zusammen. Courbet präsentiert sich als kraftstrotzendes Künstlergenie, den schwarzen Spitzbart, sein Markenzeichen, weit vorgereckt. Fast scheint es als demütige er seinen Gönner, der geradezu ehrfürchtig den Gruß entbietet. Was wollte man auch dieser geballten Virilität entgegensetzen? Der Diener gar, wagt nicht den Blick zu erheben und schaut standesgemäß zu Boden. Als das Bild 1855 auf der Pariser Weltausstellung gezeigt wurde, schrieb ein Kritiker, Monsieur Courbet reserviere den Schatten für sich, er allein könne das Strahlen der Sonne aufhalten. Tatsächlich sind die beiden anderen Männer ohne persönlichen Schatten, denn sie stehen nicht im Licht, sondern im Schatten eines Baumes.

Ich bin dann mal weg

Caspar David Friedrich, Wanderer über dem Nebelmeer
Caspar David Friedrich, Wanderer über dem Nebelmeer, um 1817, Öl auf Leinwand, 94,8 x 74,8 cm, Hamburger Kunsthalle, © SHK/Hamburger Kunsthalle/bpk/Elke Walford

Von Anfang an war das Wandern auch ein Bild für die Suche nach dem Sinn des Lebens, eine symbolische Pilgerfahrt zum eigenen Ich. Wanderer stehen daher gerne auf Gipfeln, an Abgründen oder rasten, eine Versinnbildlichung des Aufsteigens und Innehaltens. Solche Vorstellungen sind uns ja nicht fremd, wie der Erfolg von Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ beweist. Auch nicht-religiöse Menschen wandern auf dem Jakobsweg, durchaus in der Hoffnung auf eine spirituelle Erfahrung.

Caspar David Friedrichs berühmter Wanderer steht stoisch in nebelumwaberter Einsamkeit. Der Aufstieg ist geschafft, doch die Aussicht eher deprimierend. 

Frauen gehen spazieren...

Anselm Feuerbach, Zwei Damen in der Landschaft
Anselm Feuerbach, Zwei Damen in der Landschaft, 1867, Öl auf Leinwand, © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie/Jörg P. Anders

Wandern war zunächst einmal Männersache. Allein kleidungstechnisch stellte beherztes Ausschreiten Frauen vor eine nicht zu bewältigende Herausforderung. Frauen, Familien, Paare gingen spazieren. Der Unterschied zwischen Wandern und Spazierengehen liegt in der kürzeren Distanz und der geringeren körperlichen Anstrengung letztgenannter Tätigkeit. Also frauen- und kindergeeignet. 

...und fangen an zu wandern

Jens Ferdinand Willumsen, Bergsteigerin
Jens Ferdinand Willumsen, Bergsteigerin, 1912, Öl auf Leinwand, 210 x 170,5 cm, Statens Museum for Kunst, Kopenhagen, © Statens Museum for Kunst, Kopenhagen

Jens Ferdinand Willumsens Bergsteigerin geht nicht spazieren, sie steigt in praktischer Kleidung bergauf. Ein interessanter Gegenpol zu Caspar David Friedrichs düsterem Wanderer.   


Wanderlust. Von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir. Alte Nationalgalerie Berlin, bis zum 16.09.2018. Für mehr Informationen hier klicken!

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