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Deutschland - Wanderland

Das Germanische Nationalmuseum beleuchtet eine deutsche Tugend

Lennart Pagel: Über dem Nebelmeer, Wegelnburg (Pfälzer Wald), 1. Oktober 2017 Digitalfotografie, Gießen, im Besitz des Künstlers
Angelehnt an Caspar David Friedrichs berühmtes Gemälde - Lennart Pagel: Über dem Nebelmeer, Wegelnburg (Pfälzer Wald), 1. Oktober 2017 Digitalfotografie, Gießen, im Besitz des Künstlers

Mehr als die Hälfte der Deutschen über 16 ist gerne flotten Schrittes in der Natur unterwegs. Am regelmäßigsten schreiten die rüstigen 60- bis 70jährigen aus und das auch gerne in der Gruppe. Mit zunehmendem Alter lässt dann die Wanderlust nach, da zwackt es eben doch schon mal an der einen oder anderen Stelle. Nun ist nicht jeder, der am Sonntag drei Schritte um den Block läuft, ein Wanderer. Zum Wandern gehören Planung, Ausdauer und Ausrüstung. Kurz: Der Wanderer trägt Funktionskleidung, der Spaziergänger einen Regenschirm. Wobei jeder zweite Deutsche das Spazierengehen dem Wandern zuordnet und damit völlig falsch liegt, denn ein Spaziergang dauert durchschnittlich eine Stunde und 22 Minuten, eine Wanderung dagegen zwei Stunden, 39 Minuten. Dazwischen liegen Welten (nachzulesen in der „Grundlagenuntersuchung Freizeit- und Urlaubsmarkt Wandern“ 2010 des Bundeswirtschaftsministeriums).

Parkplatzschild mit wanderndem Paar
Parkplatzschild, Deutscher Wanderverband Kassel

Während der Herr fachgerecht ausgestattet zu einer Wanderung aufbricht, scheint die Dame sich eher auf einen Stadtbummel begeben zu wollen. Das Schild stammt aus dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts, doch es transportiert eine Botschaft aus dem vorletzten Jahrhundert: Männer wandern, Frauen gehen spazieren. Allerdings gesteht man der Dame hier immerhin zu, kräftig ausschreiten zu können. Und sei es nur, um mit ihrem männlichen Begleiter Schritt halten zu können.

Die Freude an der Natur ist ein relativ neues Phänomen in der Geschichte der Menschheit. Die Natur war wild und gefährlich und kein Mensch begab sich ohne Not in den Wald oder auf einen Berg. Das änderte sich vor ungefähr 250 Jahren. Zunächst waren es nur einzelne Tatmenschen, wie Goethe am Ende seiner Sturm-und-Drang-Phase, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, im Dezember 1777 den Brocken zu besteigen. Die Einheimischen schüttelten bedenklich den Kopf ob des schlechten Wetters, schließlich erbarmte sich der Förster, geleitete den Dichter nach oben und Goethe stiegen wie erhofft Freudentränen in die Augen. Nach der erfolgreichen Berliner Ausstellung „Wanderlust“ geht das Germanische Nationalmuseum jetzt dem Wandern auf den Grund - mal mehr, mal weniger ernst. Nicht immer ging es in der Geschichte des Wanderns um harmlose Erholung vom Alltag, das flotte Ausschreiten in der Gruppe wurde allzu leicht zum Marschieren in der Masse (lassen wir hier mal die Vergangenheitsform stehen).

Koloman Moser: Der Wanderer
Koloman Moser: Der Wanderer 1915/16. Als Übermenschen und Getriebenen hat man Mosers monumentalen Wanderer beschrieben. Es sein letztes Bild. Öl auf Leinwand. 195 x 217 cm. Historisches Museum der Stadt Wien

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden viele organisierte Wanderbewegungen, wie die sozialistische Naturfreundebewegung, die für das Recht des freien Zugangs zur Natur eintrat und das immer noch tut (Gruß „Berg frei!“) oder der Wandervogel, gegründet in Steglitz als „Ausschuss für Schülerfahrten“, eine technikfeindliche und antibürgerliche Jugendbewegung, obwohl oder weil ihre Mitglieder zumeist dem gutbürgerlichen Milieu entstammten. Unter den Nationalsozialisten wurden diese Vereine verboten oder nationalsozialistischen Organisationen eingegliedert. Juden wurden ausgeschlossen, nicht nur aus den Vereinen, gleich aus der ganzen Natur: „Juden sind in unseren deutschen Wäldern nicht erwünscht.“

Gesellschaftsspiel "Die fröhliche Wanderung" aus dem Jahr 1952 (?)
Gesellschaftsspiel 1952 (?). Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

Das Wandern als Massenbewegung hat also durchaus eine politische Seite. Und eine kuriose. Mein persönliches Lieblingsstück der Ausstellung: der Sonnenhut Hermann Hesses, eines ambitionierten Nacktwanderers, der 1907 im Tessin herumkletterte wie Gott ihn schuf und „sein Netz von roten Schrammen“ im Text „In den Felsen. Notizen eines Naturmenschen“ literarisch verarbeitete. Den „kühnen Felskuppen“ gab er „kühne Namen“, freute sich „an jedem roten Riss“, den seine „fahle, weiche Haut bekam“. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Übrigens: Ein Foto des nackten Hesse im Fels (von hinten, ohne Hut) findet sich im Marbacher Literaturarchiv. Falls Interesse besteht...

Wanderland. Eine Reise durch die Geschichte des Wanderns. Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, noch bis zum 28.04.2019. 

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