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Samurai in München

Die Träume japanischer Krieger

Samurai der Edo Zeit in voller Rüstung, Kunsthalle München 2019
© Kunsthalle München

Die Daiymo, regionale Samurai-Fürsten, wussten, wie man sich effektvoll in Szene setzt. Persönlicher Luxus war ihnen verboten, nur bei Waffen und Rüstungen durfte sich die japanische Krieger-Elite austoben. So entstanden theatralische, kunstvoll gearbeitete Rüstungen, Leichtgewichte im Vergleich zu den Blechbüchsen europäischer Ritter, grandiose Kunstwerke des Kampfes und der Repräsentation. So, wie in der Münchner Kunsthalle die Rüstungen präsentiert werden, als befände sich noch ein Mensch darin, breitbeinig auf einem Hocker sitzend, die Arme in die Hüften gestemmt, stellten die Daiymo ihren kostbarsten Besitz auch auf ihren Burgen aus.

Samurai Schwert, frühe Edo-Zeit
Schwert, frühe Edo-Zeit, 1660-1670, © The Ann & Gabriel Barbier-Mueller Museum, Dallas, Foto: Brad Flowers

Nur Sommergras

Ist von den Träumen

Der Krieger geblieben

Matsuo Basho (1644 - 1694)

Eine Elite aus Kriegern

792 wurde in Japan die Wehrpflicht abgeschafft, wohl aus finanziellen Gründen. Es bildete sich ein Kriegerstand heraus, bewaffnete Gefolgsleute, die wir Samurai nennen, in Japan bevorzugt man die Bezeichnung Bushi (Krieger). Im 12. Jahrhundert übernahm faktisch der Shogun, der oberste Befehlshaber, die Macht und errichtete eine Art Militärregierung. Die Geschichte des japanischen Mittelalters ist geprägt durch die Kämpfe mächtiger Familien. Japan zerfiel in eine Vielzahl kleiner Terriorien. 1603 einte die Familie der Tokugawa das Reich gewaltsam. Die Residenz wurde nach Edo, dem heutigen Tokio, verlegt. Um die Territorialherren, die Daiymo, zu disziplinieren, entwickelte man ein ausgeklügeltes System der Herrschaftskontrolle. Dazu gehörte, dass die Daiymo ein Jahr in Edo verbringen mussten, das nächste Jahr in ihrem eigenen Territorium. In dieser Zeit blieben ihre Familien als Geiseln in Edo. Diese doppelte Haushaltsführung war ausgesprochen kostspielig, dazu kamen die Aufwendungen für die Reisen nach Edo mit der gesamten Entourage. Denn da galt es, dem Rang entsprechend aufzutreten.

Japanischer Wandschirm Mittlere Edo-Zeit. Er zeigt eine berühmte Szene aus dem Genpei-Krieg. Zwei Samurai fordern einander heraus, wer zuerst den reißenden Fluss durchqueren kann.
Wandschirm, Mittlere Edo-Zeit, frühes 18. Jahrhundert, 180 x 370cm. © The Ann & Gabriel Barbier-Mueller Museum, Dallas, Foto: Studio Ferrazzini Bouchet Photography, Genf

Der Wandschirm zeigt eine berühmte Szene aus dem Genpei Krieg (1180-1185) zwischen der Familie der Taira und der Minamoto. Zwei Krieger der Minamoto fordern einander unter den Blicken ihres Befehlshabers Yoshitsune heraus, um zu sehen, wer von ihnen zuerst den rauschenden Fluss Uji zu durchqueren vermag. Wie man sieht, ist einer von beiden eindeutiger Sieger, was er den Schwimmkünsten seines berühmten Pferdes zu verdanken hat. 

Statussymbol und Handelsobjekt

Helm und Halbmaske eines Samurai, spätes 16. Jahrhundert. Den Helm ziert eine Figur des Gottes der Weisheit vor drei goldenen Blättern.
Helm und Halbmaske, spätes 16. Jahrhundert. Den Helm ziert eine Figur des Gottes der Weisheit, der Schnurrbart besteht aus Rosshaar. © The Ann & Gabriel Mueller Museum Dallas, Foto: Brad Flowers

Die in München zu sehenden Rüstungen stammen aus der Edo-Zeit, als Japan befriedet war und die Samurai ihre eigentliche Funktion verloren hatten. Sie waren nun eher Beamte als Krieger. Dafür wurden die Rüstungen aufs prachtvollste herausgeputzt für den Zug nach Edo. Die Rüstungen sind oft ein Stilmix verschiedener Jahrhunderte, denn die Teile wurden in der Familie vererbt und weiterverwendet. 1868 wurde der Shogun abgesetzt, die Samurai abgeschafft und die allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt. Verarmte Samurai-Familien verkauften ihre Rüstungen nach Europa. Und so gelangten die meisten Stücke über Europa in die Sammlung des Ehepaars Barbier-Mueller. Ihre eigentliche Heimat ist ein kleines Privatmuseum in Dallas. Seit 2011 tourt ein Teil der Sammlung durch Europa, Kanada und die USA und macht jetzt noch bis zum 30. Juni 2019 in München Station.

 

 

Rüstung und Ausstaffierung eines Daiymo.
© Kunsthalle München

Das Mori Ensemble: Rüstung und Ausstaffierung eines Samurai. Die Rüstung soll ein Geschenk an den Daiymo Kobayakawa Takakage der Mori-Motonori Familie gewesen sein, als Dank für seine (erfolglosen) Bemühungen Korea einzunehmen. Die Rüstung wurde Mitte des 18. Jahrhunderts neu montiert und ergänzt. Dieses Ensemble ist wahrscheinlich das einzige seiner Art außerhalb Japans. Nach dem Tod Baron Moris 1923 kaufte es ein englischer Missionar und Lehrer aus dem Nachlass und schickte es nach Europa.

Kopftrophäen

Samurai Rüstung für Militärparaden mit drei großen stilisierten Federn aus lackiertem und vergoldetem Japanpapier

Präsentiert werden die Rüstungen als Kunstwerke. Sie stehen für sich. Erzählt wird von den Handwerkern, die diese aufwändigen Panzer und ihr Zubehör fertigten, weniger von ihren Trägern. Die Ausstellungsmacher haben das wohl erkannt und zeigen zum Ausgleich das Doku-Drama „Die Samurai. Liebe, Grausamkeiten und Intrigen“. Höhepunkt des Films ist ein enthusiasmierter Martial-Arts-Historiker, der detailliert vorführt, wie die Samurai ihren Feinden auf dem Schlachtfeld die Köpfe absäbelten, um sie ihrem Herrn als Nachweis ihrer kriegerischen Fähigkeiten darzubringen. Erfolglose Samurai massakrierten dann auch schon mal die eigenen Leute, um genügend Köpfe vorweisen zu können. Der kluge Krieger suchte daher auch auf abgelegenen Teilen des Schlachtfeldes möglichst die Gesellschaft anderer. Der Frau des Samurai oblag es dann, den Kopf zu waschen und herzurichten, bevor er, mit einem Brief des Gatten versehen, an die Familie des Getöteten geschickt wurde.

Bild links:

Mit solch einer effektheischenden Rüstung konnte man sicher nicht kämpfen. Es dürfte schon schwierig gewesen sein, sie bei einer Parade zu tragen, wofür sie wahrscheinlich gemacht war. In einer Halterung am Rücken stecken drei Federn, die aus lackiertem, vergoldetem Japanpapier bestehen, das auf einen Bambusrahmen aufgezogen wurde.

© The Ann & Gabriel Barbier-Mueller Museum Dallas, Foto: Studio Ferrazzini Bouchet Photography, Genf

 

Opulent - und sonst?

Der Katalog ist prächtig bebildert und mit einer knappen Einführung zur Geschichte der Samurai versehen. Er beschränkt sich allerdings auf die Beschreibung der Objekte. Sollte man kein Experte für japanische Rüstungen sein, vermisst man manch interessante Information aus der Ausstellung, die man gerne nochmal nachgelesen hätte. All dieses Kriegsgerät mag noch so fremdartig, ästhetisch oder auch skurril sein, richtig spannend wird es erst in Verbindung mit den Menschen, die es benutzt haben. Oder richtiger: wäre es geworden. Man sollte nach dem Besuch der Ausstellung zu dem schmalen Bändchen des in Osaka lehrenden Historikers Wolfgang Schwentker greifen: „Die Samurai“ (Beck Wissen). Daraus stammt auch die Übersetzung des Haiku von Matsuo Basho.

Samurai-Helm mit Dämon und Farnwedeln
Helm mit Dämon und Farnwedeln. 16. bis 18. Jahrhundert. © The Ann & Gabriel Barbier-Mueller Museum Dallas, Foto: Brad Flowers

Mehr Informationen zur Ausstellung gibt es hier:

SAMURAI. Pracht des japanischen Rittertums.

Die Sammlung Ann und Gabriel Babier-Mueller

noch bis 30. Juni 2019

Kunsthalle München

 

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