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Heldendämmerung: Richard Löwenherz in Speyer

Richard Löwenherz - Rabauke, Märchenkönig, Muttersöhnchen oder einfach nur „Ritter Doof“, wie der „Spiegel“ despektierlich titelte? Eine Ausstellung in Speyer will den Mythos um den englischen König, der selbst fleißig an seinem ritterlichen Image bastelte, hinterfragen. Gleich im ersten Raum stolpert man über die Grabmale von Richards Eltern (es ist wieder eine ziemlich dunkle Ausstellung). Bildmächtig lässt man in Speyer das Mittelalter wieder aufleben, doch bringen die zahlreichen Exponate uns den legendären König wirklich näher? Nein, aber das macht nichts. Denn man bekommt nicht nur einen hervorragenden Überblick, sondern kann auch die königlichen Tweets verfolgen (warte schon ungeduldig auf meine Braut #love). Manch hochkarätiges Stück, wie die Magna Charta, versteckt sich recht gut, wenn man nicht achtgibt. Unaufmerksamkeit verzeiht diese Ausstellung nicht.

Darstellung der Gefangenschaft und des Todes Richards Löwenherz in den Effigies ad Regem Angliae (Bilder der englischen Könige), entstanden ca. 1280 – 1300, The British Library. Dieses Blatt zeigt die zentralen Szenen aus dem Leben von Richard Löwenherz in einer Komposition, links seine Gefangenschaft, rechts die tödliche Verwundung durch einen Pfeil.

Bildnachweis: © The British Library Board, Cotton MS Vitellius A XIII, fol. 5r

Der Rebell

Fast jeder hat eine Vorstellung von Richard Löwenherz. Entweder sieht er aus wie Sean Connery in dem Film „König der Diebe“ oder vor unser geistiges Auge schiebt sich das Bild eines dickbäuchigen, majestätischen Löwen im Kreuzzugshabit aus Disneys Trickfilmschmiede. Gleichwie, Richard Löwenherz agiert als Nebendarsteller in Robin Hood Filmen, dessen Kommen von den Mannen im Sherwood Forest heiß ersehnt wird und der, wenn er dann schließlich kommt, die Dinge stets zum Besseren wendet. Mit der historischen Wahrheit hat das alles natürlich nicht viel zu tun. Richard wurde in etwas komplizierte Familienverhältnisse hineingeboren, war der Liebling seiner Mutter, mit deren Unterstützung er gegen den Vater rebellierte. 1189 trat er die Nachfolge seines Vaters als König von England an, sein Reich umfasste jedoch auch den Großteil von Nord- und Westfrankreich, was den französischen König automatisch zu seinem Gegner machte (obwohl die beiden zur Bekräftigung ihrer Freundschaft gelegentlich in einem Bett schliefen). Auch wenn eine Statue Richards an prominenter Stelle vor dem Parlament in London steht, in England selbst hielt sich der König wohl nur ein halbes Jahr auf. Und er sprach bevorzugt Alt-Französisch. 

Reiterstandbild Richard Löwenherz vor dem Parlament von London von Baron Carlo Marochetti, 1860, in London. Foto: Dennis Gilbert

Reiterstandbild von Baron Carlo Marochetti, 1860, in London. Foto: Dennis Gilbert

Der Rabauke

Abschieds- oder Ankunftsszene eines Kreuzfahrerpaars

1187 hatte Richard ein Kreuzzugsgelübde abgelegt. Zwei Jahre später brach er, zeitgleich mit dem französischen König, auf. Jeder der beiden fürchtete, der andere könnte aus seiner Abwesenheit Kapital schlagen. Ihre Verstärkung brachte die Wende in der Belagerung von Akkon. Die Hafenstadt kapitulierte. Man hielt mehrere tausend Geiseln zurück als Garantie für die Umsetzung der Kapitulationsvereinbarungen, darunter Frauen und Kinder. Als die Gegenseite mehrere Fristen verstreichen ließ, ordnete Richard die Hinrichtung aller Geiseln an, was auch vielen Zeitgenossen als barbarischer Akt erschien. Für Richard persönlich folgenreicher war die Brüskierung Herzog Leopolds von Österreich, dem er seinen Anteil an der Beute verweigerte. Dabei soll das rot-weiße Banner des Herzogs in den Schmutz getreten worden sein. So etwas wurde im Mittelalter nicht verziehen.

 

 

Bild: Kreuzfahrerpaar, zweite Hälfte 12. Jahrhundert, Musée Lorrain, Nancy. Die Szene kann sowohl als Aufbruch eines Kreuzfahrers, der sich von seiner Frau verabschiedet oder als Heimkehr interpretiert werden. Die Figur stand ursprünglich im Kreuzgang des Klosters Belval.

Bildnachweis: © Musée Lorrain, Nancy / Foto: Michel Bourguet

Der Gefangene

Abbrevatio Chronicorum. Die englischen König Heinrich II, Richard I. Löwenherz, Heinrich III., Johann Ohneland

Matthew Paris: Abbreviatio Chronicorum, entstanden 1250 – 1259, The British Library. Die englischen Könige Heinrich II., Richard I. Löwenherz, Heinrich III. und Johann Ohneland (im Uhrzeigersinn vom oben links). Jeder König wird mit seinen typischen Attributen gezeigt. Richards Schild zeigt drei Löwen, die schiefe Krone seines Bruders Johann verweist auf dessen turbulente Regierungszeit.

Bildnachweis: ©The British Library Board, Cotton MS Claudius D VI, fol. 9v

Auf dem Weg nach Hause geriet Richards Schiff in Seenot, er wählte mit seinen Leuten den Landweg über Österreich. Was nicht ganz ungefährlich war, denn Leopold war immer noch verstimmt. Um unerkannt zu bleiben, verkleideten sich die Männer als Pilger, doch sie fielen auf, weil sie zu viel Geld ausgaben. Richard wurde gefangengenommen, als er - wenig ehrenvoll - in einer Herberge eigenhändig ein Huhn briet. Leopold lieferte Richard an Kaiser Heinrich VI. aus, der die ungeheure Summe von 100.000 Mark Silber als Lösegeld verlangte. Das entsprach 23 Tonnen reinen Silbers, zahlbar in einer Summe. Bis man in England dieses Geld zusammenhatte, dauerte es und vielleicht hätte man sich noch weniger beeilt, wäre nicht Richards Mutter so umtriebig gewesen. Weder Richards Bruder noch der französische König waren an seiner Freilassung interessiert. Adlige Gefangene genossen normalerweise eine Vorzugsbehandlung und auch Richard stellte in Gefangenschaft Urkunden aus und empfing Gesandte. Allerdings gibt es auch Berichte, dass Richard auf dem ungemütlichen Trifels in Ketten gelegt worden sein soll, vielleicht um den Forderungen Nachdruck zu verleihen. Die Zahlung des Lösegelds brachte England an den Rand des Ruins. Knapp 14 Monate blieb der englische König in Haft, bis seine Mutter das Lösegeld höchstselbst nach Mainz brachte. Es sollte 140 Jahre dauern, bis ein englischer König wieder deutschen Boden betrat. Leopold steckte das Geld in die Verbesserung der Infrastruktur Wiens und Heinrich VI. konnte endlich Sizilien erobern    

Der Leichtsinnige

Überlebensgroße Grabfigur Richards I. Löwenherz

Überlebensgroße Grabfigur Richards I. Löwenherz in der Abtei Fontevraud (um 1200). Richard sah nicht wirklich so aus, seine Gesichtszüge sind idealisiert. Er sieht aus, wie ein König aussehen sollte.

Bildnachweis: akg-images/Erich Lessing

Richard kehrte in sein Reich zurück, ließ sich erneut in einer prunkvollen Zeremonie krönen, um die Scharte der Gefangenschaft auszumerzen, versöhnte sich mit seinem Bruder (dem berüchtigten Prince John aus den Robin Hood Filmen) und ging daran, sein Reich wieder in den Griff zu bekommen. Während der Belagerung einer Burg erkundete er in den Abendstunden ohne Rüstung die Lage, als ein einsamer Armbrustschütze im Schutze einer Bratpfanne einen Schuss auf den König wagte. Er traf ihn an der Schulter und dem kampferfahrenen Richard muss schon recht bald klar gewesen sein, dass er am Wundbrand sterben würde. Er vergab mit großer, ritterlicher Geste dem Schützen (was seine Leute nicht daran hinderte, den armen Mann schrecklich zu martern) und ordnete an, sein Herz in Rouen zu bestatten, seinen Körper jedoch in der Abtei Fontevraud neben seinem Vater. Richard starb in den Armen seiner Mutter. Das schlichte Bleikästchen, in dem das „Löwenherz“ bestattet wurde, enthielt bei seiner Entdeckung 1838 nur noch Staub.    

Bleikästchen, in dem das Herz Richards I. Löwenherz bestattet wurde.

Das Herz Richards I. Löwenherz wurde einbalsamiert und in diesem Bleikästchen beigesetzt. Die Aufteilung des Körpers bei Bestattungen wurde schon im 9. Jahrhundert vorgenommen und hatte auch praktische Gründe. Durch die Entnahme der Eingeweide konnte der Leichnam über längere Strecken bis zum endgültigen Bestattungsort transportiert werden. Mit der Beisetzung des Herzens in Rouen wollte Richard den englischen Herrschaftsanspruch über die Normandie bekräftigen.

Bildnachweis : ©2017 Inventaire général Région Normandie, Foto Denis Couchaux

Der PR-Profi

Besonders glanzvoll sieht die Bilanz von Richards Herrschaft nicht aus. Er scheint sich nicht einmal bemüht zu haben, einen Thronfolger zu zeugen. Jedenfalls gingen er und seine Gattin bewusst getrennte Wege. Aber er verstand es hervorragend, sich selbst als Idealbild eines Ritters zu inszenieren. Der It-Boy des 12. Jahrhunderts dichtete selbst und nutzte das mittelalterliche PR-Instrument der Troubadoure, die von seinen ruhmreichen Taten berichteten (natürlich gegen entsprechende Entlohnung). Auf Festen und Turnieren demonstrierte man ritterliche Lebensart. Bereits Richards Vater förderte Ausgrabungen im Kloster Glastonbury, wo man das legendäre Avalon vermutete. Man entdeckte dort die angeblichen Gebeine König Artus’ und seiner Gemahlin. Es war eine bewusste Fälschung, die man wie die Auffindung der Reliquien eines Heiligen in Szene setzte. Richard inszenierte sich als Nachfolger der idealen Herrschergestalt König Artus’. Von Vorteil war natürlich auch Richards lange Abwesenheit, Nicht-Regieren unterstützt nachweislich die Legendenbildung. Der Vorwurf, Richard hätte England aus persönlicher Ruhmsucht vernachlässigt, wurde erst in nüchternen protestantischen Zeiten erhoben, als man mit dem Kreuzzugsgedanken nicht mehr viel anfangen konnte.

Schachfigur aus Elfenbein mit Belagerungsszene einer Burg

Schachfigur: Turm mit Belagerungsszene einer Burg, 12. Jahrhundert, Elfenbein, H. 13,5 cm, B. 9,3 cm, T. 7,1 cm. Douai, Musée de la Chartreuse. Armbrüste galten als nicht-ritterliche Waffen, da man damit aus der Ferne töten konnte und sich nicht dem Kampf Mann gegen Mann stellen musste. Dass ausgerechnet der zweikampfstarke Richard von einem namenlosen Armbrustschützen niedergestreckt wurde, ist eine der zahlreichen Ironien der Geschichte.

Bildnachweis : ©Douai, Musée de la Chartreuse. Fotograf: Daniel Lefebvre. 

Die Ausstellung

Wer jetzt noch Lust auf mehr hat, mache sich auf nach Speyer! Eine opulente Ausstellung, der man vielleicht nur vorwerfen kann, dass sie sich ein bisschen in ihren zahlreichen Ausstellungsstücken verliert.

Richard Löwenherz. König - Ritter - Gefangener ist noch bis 15. April 2018 im Historischen Museum der Pfalz zu sehen.

Der reguläre Eintrittspreis beträgt 14,50 €, inklusive Audioguide.

Unbedingt den Katalog mitnehmen. So viel Information bekommt man selten für 24.90 €.

Geöffnet von Dienstag bis Sonntag von 10 - 18 Uhr.

Nähere Informationen unter: www.loewenherz-ausstellung.de

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