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Die Bildersprache der Nasca

Archäologische Entdeckungen in Bonn

Orca Geoglyphe Nasca
Luftbildfotografie einer Orca-Bodenzeichnung der Pampa von Nasca. © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Im Januar machte ein 40-jähriger Lastwagenfahrer international Schlagzeilen. Er wollte einen Reifen wechseln und zerstörte dabei drei Linien eines 2000 Jahre alten Eidechsenbildes. Die monumentalen Scharrbilder der Nasca in der peruanischen Wüste zählen zum Weltkulturerbe. Die peruanische Staatsanwaltschaft forderte zunächst neun Monate Haft für den vom rechten Weg abgekommenen Lastwagenfahrer. Vielleicht war er sich keiner Schuld bewusst, denn die Bilder sind nur aus großer Höhe als solche zu erkennen.

Bügelhenkel-Doppelausgussflasche, Nasca, Ausstellung Bonn
Bügelhenkel-Doppelausgussflasche in Stufenvolutenform mit mythischer Bemalung, 450–650 n. Chr., Ton, Länge 15,5 cm, Breite 4 cm, Höhe 13,7 cm. © Museo Textil Amano

Kostbares Nass

Die Kultur der Nasca wird erst seit 1980 intensiv erforscht, trotz ihrer weltbekannten Bodenzeichnungen standen sie immer etwas im Schatten der (späteren) Inka. Die Nasca lebten in einer der trockensten Gegenden der Erde im Süden Perus. Sie siedelten in den schmalen, fruchtbaren Tälern, bauten Mais, Maniok, Kürbisse und Bohnen an, hielten Meerschweinchen und Lamas. Wie sie sich selbst nannten, ist unbekannt. Sie kannten keine Schrift und über ihre Sprache weiß man nichts. Ihre Kultur endete um 600 nach Christus, lange vor der Ankunft der Spanier. Grund war vermutlich eine lang anhaltende Dürre. Das Wasser kam und kommt immer noch von den Flüssen, die hoch in den Anden entspringen, die Wüste durchqueren und schließlich in den Pazifischen Ozean münden. Knapp war das Wasser immer. Das Oberflächenwasser versickert, bevor es die Küste erreicht. Die Nasca sammelten das Grundwasser und bauten aufwendige Bewässerungsanlagen, um das Wasser in die Täler auf ihre Felder zu leiten, doch irgendwann reichte es nicht mehr. Die Nasca verloren den Kampf mit der Wüste.    

Mensch und Tier

Bügelhenkel-Figurengefäß Nasca Bonn
Bügelhenkel-Figurengefäß eines Mannes mit mythischen Wesen und abgetrennten Menschenköpfen, 450–650 n. Chr., Ton, Höhe 24,3 cm. © Museo Nacional de Arqueología, Antropología e Historia del Perú

Bekannt sind die Nasca vor allem durch ihre Bodenzeichnungen, mindestens so eindrucksvoll ist jedoch ihre Keramik. In der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle kann man sich kaum sattsehen an den phantastischen Bildern, deren Entschlüsselung noch ganz am Anfang steht. Die Religion der Nasca hat, wie sollte es anders sein, mit Wasser zu tun. Alles dreht sich um Regen und Fruchtbarkeit. Forscher bezeichnen die oberste Gottheit nüchtern als mythisch-antropomorphes, also menschenähnliches Wesen. Früher nannte man es etwas plastischer Katzengott, weil es häufig mit Attributen einer Raubkatze dargestellt wurde, aber das griff dann doch zu kurz. Generell spielen Tiere eine große Rolle: neben Raubkatzen vor allem Schlange, Kondor, Orca. Die Vermischung von Mensch und Tier ist ein wesentlicher Bestandteil der Nasca-Religion. Zartbesaitete sollten vielleicht nicht zu genau hinschauen, denn die Darstellung Geköpfter gehört zum Bildprogramm. Die Nasca trennten tatsächlich die Köpfe Verstorbener ab und präparierten sie. In die Stirn wurde ein Loch gebohrt, an dem ein Tragseil befestigt wurde. Es handelte sich dabei nicht um Kriegsgefangene, sondern um Angehörige des eigenen Volkes, meist sind es Köpfe erwachsener Männer, selten auch von weiblichen Jugendlichen. Die Bedeutung ist unklar, vielleicht handelte es sich um einen Ahnenkult. Die Bezeichnung „Trophäenköpfe“, die manchmal verwendet wird, hören Wissenschaftler jedenfalls nicht so gerne. Mit Prunk und Protzerei hatten die Köpfe wohl nichts zu tun.

Die Wüste als Bühne

Keramikplastik einer Prozession Nasca Bonn
Keramikplastik einer Prozession, 450–650 n. Chr., Ton, Länge 14,3 cm, Breite 10,8 cm. © Museo Nacional de Arqueología, Antropología e Historia del Perú

Das eigentliche Highlight der Bonner Ausstellung ist jedoch eine neue wissenschaftliche Erkenntnis. Die Archäologen sind sich ziemlich sicher, welchem Zweck die überdimensionalen Bodenzeichnungen in der Wüste dienten. Man hat in ihnen Kalender gesehen, Landkarten und in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts waren nicht wenige Menschen davon überzeugt, es handele sich um Orientierungsmarken für die Landebahnen Außerirdischer. Doch die Realität ist weniger spektakulär, die Geoglyphen, so der korrekte Begriff, waren wohl Prozessionsstraßen, wodurch sich die solide „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ zu dem Wortspiel „Geh, o Glyphe“ hinreißen ließ. In der Wüste auf der Hochebene finden sich tausende dieser Geoglyphen, nur die wenigsten haben ein figürliches Motiv, die meisten bestehen aus einfachen geometrischen Mustern. Ein idealer Ort für Rituale, eine Ebene zwischen den von Menschen bewohnten Tälern und den Bergen als Sitz der Götter. Die Linien entstanden, indem die Menschen das dunkle Oberflächenpflaster, das sich in der Wüste durch Oxidation gebildet hatte, beiseite räumten, so dass der helle Sand darunter sichtbar wurde. 

Doppelausgussflasche inForm eines Orcas, Nasca, Bonn
Bügelhenkel-Doppelausgussflasche in Form eines Orcas, Ton, 50–300 n. Chr. © Museo Nacional de Arqueología, Antropología e Historia del Perú

In einer Gemeinschaftsproduktion arbeiteten die Menschen in einem Zeitraum von 800 Jahren an den Bodenzeichnungen, es war eine Gemeinschaftsproduktion, nicht das Werk einzelner Künstler. Jede Generation veränderte die Geoglyphen und baute sie weiter aus. Die Altamerikanisten nehmen an, dass Musik und Rauschmittel bei den Prozessionen, die nichts anderes als Bittgänge um Wasser waren, eine wichtige Rolle spielten. Steinhaufen, kleine Plattformen, dienten als Altäre, man fand dort Keramik, aber auch Spondylus-Muscheln, Flusskrebse und in Stoff eingewickelte Maiskolben. Die Muster als Ganzes sind vielleicht nur aus der Luft gut erkennbar, die Prozessionen jedoch waren weithin sichtbar. Die ganze Wüste Bühne und Tempel.

Figurinenborte eines Zeremonienumhangs, Nasca, Bonn
Figurinenborte eines Zeremonienumhangs aus Cahuachi (Detail), Baumwollgewebe mit Mittel- und Eckborten aus eingefärbter und gestickter Kamelidenwolle, 50–300 n. Chr. © Museo Didáctico Antonini; Ministerio de Cultura del Perú

Bonn ist die letzte Station der Ausstellung, die schon in Lima und Zürich zu sehen war.

Noch bis zum 16. September 2018 in der Kunst- und Ausstellungshalle: „Im Zeichen der Götter. Archäologische Entdeckungen aus der Wüste Perus“. Link zur Ausstellung.

Der Katalog ist nicht ganz billig, er schlägt mit 48 € zu Buche.

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