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Nur Agamemnon fehlt

Mykene - eine Welt der Selbstdarsteller

Goldmaske Mykene

Der Tote mit dem runden Gesicht. Goldmaske. 16. Jh.v.Chr., Mykene. Archäologisches Nationalmuseum Athen, © Hellenic Ministry of Culture and Sports, Foto: S. Mavrommatis

Heinrich Schliemann war überzeugt: Er hatte das Grab des Agamemnon gefunden, jenes sagenhaften mykenischen Herrschers, der seine Tochter den Göttern opferte, Troja in Schutt und Asche legte und bei seiner Heimkehr von der nachtragenden Gattin und deren Liebhaber heimtückisch ermordet wurde. Im reich ausgestatteten Prunkgrab fand sich die Goldmaske eines Toten mit rundem Gesicht und genau so hatte sich Schliemann Agamemnon vorgestellt. Am nächsten Tag entdeckte man in einem weniger pompösen Grab eine filigranere, detaillierter ausgearbeitete Maske, die dann flugs dem ermordeten Heerführer zugeschrieben wurde. Schliemann, der die Attitüde eines Raubgräbers hatte, brachte durch seine Ausgrabungen im späten 19. Jahrhundert die Überreste der mykenischen Kultur ins öffentliche Bewusstsein. Allerdings, mit den trojanischen Helden haben seine Funde nichts zu tun. Keine der beiden Goldmasken bedeckte das Antlitz des toten Agamemnon, dessen Existenz ohnehin zweifelhaft ist.    

Agamemnons Welt?

Die Maske des Toten mit dem runden Gesicht ist das Prunkstück einer Ausstellung in Karlsruhe: „Mykene. Die sagenhafte Welt des Agamemnon“. Hier haben wir ihn wieder, den streitlustigen Heerführer, der das Publikum nach Karlsruhe locken soll. Nötig hat die Ausstellung den Verweis auf den homerischen Helden nicht. In Karlsruhe ist Hochkarätiges zu sehen, vieles davon zum ersten Mal in Deutschland. Ein Dankeschön der Griechen für die Rückgabe zweier Kykladenidole, die auf zweifelhaften Wegen ins Badische gelangt sind.    

Vergrabene Kostbarkeiten

Prunkkrone von Routsi. Wurde erst 1989 in einem Grab entdeckt. Es handelt sich um das Bronzegerüst einer Krone, vielleicht der einer Priesterin. Möglicherweise übernahmen die Ehefrauen der Lokalherrscher kultische Aufgaben. 16.–15. Jh. v. Chr., Myrsinochori, Routsi, Archäologisches Museum Chora. © Hellenic Ministry of Culture and Sports/Badisches Landesmuseum, Foto: Gaul

Der Ort Mykene wird zum Namensgeber für die erste Hochkultur auf dem europäischen Festland. Um 1600 vor Christus entwickelt sich die mykenische Kultur aus einfachen bäuerlichen Strukturen auf dem griechischen Festland. Begünstigt wurde der Aufschwung durch den intensiven Austausch mit anderen Kulturen. Die Mykener, so heißt es ausdrücklich, dürfen nicht als Volk verstanden werden. Die frühe Phase der mykenischen Kultur wird als Schachtgräberzeit bezeichnet und dauerte rund 200 Jahre. Aus einem solchen Grab stammt Schliemanns Maske. Es entwickelten sich zahlreiche unabhängige Kleinstkönigtümer. Die Eliten konkurrierten um Macht, Einfluss und nicht zuletzt Land. Dazu musste man seinen Reichtum zeigen, im Leben als Krieger und im Tod durch kostbare Grabbeigaben. Wahrhaftig das goldreiche Mykene Homers! Dass sich der Führungsanspruch auf militärischen Erfolg gründete, zeigt sich in der verschwenderischen Ausstattung der Gräber mit Schwertern. Der wirtschaftliche Aufschwung verdankte sich intensivem Handel, wobei kaufmännische Aktivitäten und Raubzüge nicht immer klar zu trennen sind.

Achatsiegel mit Kampfdarstellung aus Pylos

Achatsiegel mit Kampfdarstellung, sog. „Combat Agate“ aus Pylos, gefunden im reich ausgestatteten Grab des Greifenkriegers. Zu sehen sind die Körper dreier Krieger. Der jugendliche Sieger sticht mit seinem Schwert in den Hals seines schwerbewaffneten Gegners. Ein toter Krieger liegt zu Füßen der Kämpfenden. Der Held verwendet ein Stichschwert, eine schwierig zu führende Waffe, deren Beherrschung stete Übung erforderte. 15. Jh. v. Chr., Archäologisches Museum Messeniens, Kalamata. © Hellenic Ministry of Culture and Sports/Badisches Landesmuseum, Foto: Gaul    

Siegelring mit Stiersprungszene Pylos

Siegelring mit Stiersprungszene. Siegel und Siegelabdrücke sind eine der wichtigsten Gattungen der ägäischen Bronzezeit. Etwa 10.000 Exemplare sind bekannt. Siegel in der frühmykenischer Welt erfüllten noch keine Verwaltungsfunktion, sie waren ein Prestigeobjekt, die oft auch ideologische Botschaften wie Tapferkeit und Kampfesmut vermittelten. Einige Kleinkönige ließen sich mit einer ganzen Siegelsammlung begraben. 15. Jh. v. Chr., Pylos, Grabfund. Archäologisches Museum Messeniens, Kalamata. © Hellenic Ministry of Culture and Sports/Badisches Landesmuseum, Foto: Gaul

Eine Kopie Kretas?

Die entscheidenden Impulse für das griechische Festland kamen von der minoischen Kultur Kretas. Auf dem Peloponnes entstanden ausgedehnte Palastanlagen wie Mykene oder Pylos als Herrschaftssitz, Kultstätte, Verwaltungs- und Wirtschaftszentrum. Die Zeit der Kleinstkönige war vorüber, die Macht konzentrierte sich in den Händen Weniger. Um 1450 vor Christus konnte eine mykenische Elite Kreta übernehmen, vermutlich hatte ein Vulkanausbruch die alten Herrschaftsstrukturen der Insel zusammenbrechen lassen. Die minoischen Paläste wurden zerstört, mykenische Zentren errichtet, Griechisch als Verwaltungssprache eingeführt. Die neuen Herren hatten die minoische Kultur in ihrer Heimat übernommen und setzten sie jetzt - abgewandelt - wieder auf Kreta ein. Immer noch finden sich in den Gräbern reiche Beigaben, doch man verwendet die Mittel eher für eine aufwendige Grabarchitektur. All das gibt Einblicke in das Leben der herrschenden Elite, über den Rest der Bevölkerung weiß man dagegen so gut wie nichts. Frauen scheinen im Kult eine Rolle gespielt zu haben und wurden als Arbeiterinnen im Palast versorgt. Auch gaben die Mächtigen große Gelage, gemeinsames Essen und Trinken, abgestuft nach sozialem Rang. Darauf weisen Unmengen an Geschirr hin, die man in den Kammern der Paläste gefunden hat, gröberes Geschirr in den äußeren Höfen, feineres je näher man an das Zentrum des Palastes kam, den Thronsaal, das Megaron. Das gemeinsame Mahl stärkt bekanntlich den Zusammenhalt, alljährlich zu beobachten bei den traditionellen Weihnachtsfeiern :).

Elfenbeinplakette mit Krieger und Eberzahnhelm, Delos

Die Elfenbeinplakette zeigt einen mykenischen Krieger mit Lendenschurz und Armring. Er hält einen Speer und einen großen Achterschild. Sein Kopf wird durch einen Eberzahnhelm geschützt. Für die Herstellung eines solchen Helmes musste man mindestens 60 Eber erlegen, was den Kampfesmut des Trägers bewies. 14. Jh. v. Chr., Delos, Artemision. Archäologisches Museum Delos. © Hellenic Ministry of Culture and Sport /Ephorie für Altertümer der Kykladen, Foto: Gaul

Ein rätselhafter Untergang

Antikes Rasiermesser, Achaia Grabfund

Rasiermesser, frühes 12. Jh. v. Chr., Achaia, Grabfund. Archäologisches Museum Patras. © Hellenic Ministry of Culture and Sports/Badisches Landesmuseum, Foto: Gaul    

200 Jahre später endet die ganze Herrlichkeit plötzlich. Die Zentren werden geplündert und niedergebrannt: Pylos, Mykene, Tiryns, Theben. In Pylos stellte man Wachen an die Küsten, doch das scheint nicht viel genützt zu haben. Die Paläste brennen und niemand baut sie wieder auf. Die Krise betrifft den ganzen Mittelmeerraum. Über die Ursache wird bis heute gerätselt. Man vermutet aggressive Seevölker hätten die Küsten heimgesucht, ähnlich den Wikingern, die das Frankenreich in Aufruhr versetzten. Können räuberische Piraten wirklich einer ganzen Staatenwelt den Garaus machen? Ohne innere Krisen kaum vorstellbar. Die schriftlichen Quellen, die wir haben, geben keinen Aufschluss. Es sind Aufstellungen über Vorräte, Lieferungen, Abgaben, von Schreibern in feuchten Ton geritzt und dann in der Sonne getrocknet. Dass sie noch erhalten sind, ist Zufall. Die Feuer bei der Zerstörung der Paläste haben sie dauerhaft gebrannt. Ob es auch anderes Schriftgut gab, Briefe etwa, entzieht sich unserer Kenntnis. So bleibt das Bild einer testosterongesättigten Kriegerelite, die Wert auf Körperpflege und Luxus legte. Passt doch wieder zu Homer.

Großer Bildkrater mit Tierfries. Der Bildfries zeigt wilde Fleischfresser.

Großer Bildkrater mit Tierfries. Mit einer Höhe von 36 Zentimetern eines der größten in Achaia gefundenen Gefäße. Der Bildfries zeigt wilde Fleischfresser, die Szene ist vermutlich Teil einer Jagd, die währender Bestattung zu Ehren des Verstorbenen stattfand. Das Gefäß selbst diente wahrscheinlich als Grabmarkierung. Spätes 12. Jh. v. Chr., Voudeni, Grabfund. Archäologisches Museum Patras. © Hellenic Ministry of Culture and Sports/Badisches Landesmuseum, Foto: Gaul

Fazit

Sollte man sich ansehen. Es wird eine Zeit dauern, bis wieder so viel Mykene in Deutschland ausgestellt sein wird. Wenn überhaupt. Aber gönnen Sie sich den Audioguide. Sonst ermüdet die Menge an Tongeschirr und Siegel doch ein wenig. Auf die Berichte der Ausgräber, die man an verschiedenen Stationen anhören kann, kann man dagegen getrost verzichten. Merkwürdigerweise lässt man alle Engländer Deutsch mit einem schrecklich affektierten Akzent sprechen, klingt, als ob Mr. Bean mit Oxford Sozialisierung über die mykenischen Stätten hergefallen wäre.

Mehr Informationen gibt es hier: Badisches Landesmuseum Karlsruhe.

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