· 

Was macht der Ritter im Bett?

Eigentlich muss man die Bücher von Rebecca Gablé nicht bewerben. Ihre historischen Romane sind Selbstläufer. Ihr Verlag tut es aber trotzdem. Mit einer interessanten Anzeige. Da sitzt eine junge Frau angezogen im Bett, versunken in das neueste Werk Gablés. Der Roman spielt zur Zeit Ottos des Großen, so um 950. Im Eifer des Lesens ist das Oberteil der jungen Dame, von ihr unbemerkt, ein wenig nach unten gerutscht und gibt den Blick auf ihre nackte Schulter frei. Ihr Mund ist leicht geöffnet ... oh là là. Wer mag der Mann an ihrer Seite sein? Der Mann in schwarzer Rüstung mit der durchlöcherten Gummimaske über dem Gesicht? Doch wir müssen uns keine Sorgen machen. Denn neben der Dame liegt das personifizierte Mittelalter: ein Ritter.

Aha. Für was, bitte, steht der Ritter in dieser Anzeige? Für den schlampigen Umgang mit Geschichte. Zur Zeit Ottos des Großen gab es gepanzerte Reiter, aber noch keine Ritter. Im Roman selbst ist auch nur von Panzerreitern die Rede. Und wenn wir schon dabei sind: Die Rüstung ist Spätmittelalter, so um die 400 Jahre nach Otto. Eindeutig zu viel Blech für das frühe Mittelalter. Lieber Verlag, rede dich bitte nicht damit heraus, die Anzeige sei ironisch gemeint. Das ist sie nicht. Sie bedient das Klischee der Frau, die „im Sturm erobert“ werden möchte. Der schwarze Ritter versinnbildlicht die dunkle Seite des Eroberungsfeldzugs. Er verspricht Gefahr und Erlösung zugleich. Entweder entpuppt er sich als gebrochener Held, dem eine holde Maid zum wahren Selbst verhilft, oder der weiße Ritter wartet schon im Hintergrund als Retter in der Not. Kennt man ja aus zahlreichen Historienschinken. Tipp für die nächste Anzeige: Legt doch noch das Pferd dazu. Dann ist es Ironie. Ist diese Kritik kleinlich? Nein. Hätte man der Dame einen Kerl im Schuppenpanzer, der genüsslich einen Riegel Schokolade verspeist, ins Bett gelegt, würde mich das nicht stören. Ein Ritter zur Zeit der Ottonen stört mich schon. Von der Darth Vader-Plattenpanzer-Turnierrüstung mal ganz abgesehen. 

Wie wurden aus Kriegern Ritter?

Keine andere Figur ist mehr Mittelalter: Der Ritter erscheint hoch zu Ross, bewaffnet mit Schwert und Lanze, geschützt durch Rüstung, Helm und Schild. Dem äußeren Erscheinungsbild entsprechen bestimmte Werte, Schutz der Schwachen zum Beispiel. Ein Ritter weiß sich zu benehmen, zeichnet sich durch höfisches Verhalten aus, wie den Minnedienst, das Werben um die (nie erfüllte) Gunst einer adligen Dame. Ritter sind Krieger und viel mehr als das.

Am Anfang bestand das fränkische Heer vor allem aus Fußsoldaten. Wehrpflichtig und wehrfähig waren alle freien Männer. Das waren keine Berufssoldaten, sondern Bauern. Anfang des 8. Jahrhunderts begann Karl Martell eine Reitertruppe aufzubauen. Reiter waren beweglicher und schneller als Fußsoldaten. Für die einfachen Bauer wurde das Kriegshandwerk zu einer Belastung, die durch Beute nicht mehr kompensiert werden konnte. Schließlich mussten die Felder bestellt werden. Und die Ausrüstung eines Panzerreiters war kostspielig. Viele freie Bauern übergaben daher sich und ihr Land einem mächtigen Herrn, wurden dadurch unfrei, mussten aber nicht mehr jedes Jahr ausrücken. Karl der Große versuchte, das Problem durch eine Heeresreform zu lösen. Drei oder vier ärmere Bauern sollten sich zusammentun und nur einen von ihnen in den Krieg schicken (oder einen Stellvertreter finanzieren). Viel half das nicht. Im 10. Jahrhundert stellten nur noch Großgrundbesitzer die berittene Truppe. Gepanzerte Reiter waren Spezialisten, die viel Zeit damit verbrachten, ihre kriegerischen Fertigkeiten zu trainieren. Und ihr Pferd. 

Der christliche Krieger

Der Übergang vom Krieger- zum Rittertum beginnt am 27. November 1095. Die Byzantiner hatten Papst Urban II. um Hilfe gegen die „Ungläubigen“ gebeten. Die „Befreiung“ Jerusalems stand auch auf der Agenda. Der Papst ging auf Werbetour. In Clermont hatte sich am 27. November eine riesige Menschenmenge versammelt. Urban II. rief zum Kreuzzug auf. Den Teilnehmern wurde geistlicher Lohn versprochen, die Vergebung von Sünden, sowie der Schutz von Familie und Besitz während ihrer Abwesenheit. Deus lo vult, Gott will es, war die ideale Rechtfertigung für kriegerisches Handeln. Mit militia Christi, Streitmacht Christi, hatte man ursprünglich die Apostel bezeichnet, dann Mönche, jetzt wurde der Begriff von der Kirche auf tatsächliche Krieger übertragen. Das Ideal des miles christianus, des christlichen Kriegers, begeisterte das ganze christliche Europa. Kein Wunder, dass sich bald Ritterorden wie die Templer herausbildeten, die mönchisches Leben und Kriegshandwerk verbanden. Tapferkeit, Ehre und Ruhm hatten schon immer zum Tugendkanon des Kriegers gehört, jetzt wurde er ergänzt um christliche Werte und bestimmte höfische Umgangsformen. Um es mal salopp zu sagen: Das, was man schon immer getan hatte, nämlich Verwüsten, Plündern und Belagern, bekam plötzlich einen tieferen, vom Papst persönlich legitimierten Sinn. 

Der letzte Ritter

Die große Zeit der Ritter war das 12. und 13. Jahrhundert. Als Kaiser Maximilian I. 1519 starb, beklagte man, dass mit ihm der letzte Ritter zu Grabe getragen wurde. Die gescheiterten Kreuzzüge, der vermehrte Einsatz von Feuerwaffen, die Anwerbung von Söldnerheeren hatte dem Rittertum den Garaus gemacht. In ihren schweren Plattenpanzern waren die unbeweglichen Ritter zum Sinnbild einer untergegangenen Epoche geworden. 

Das sind nur ein paar Bemerkungen zum vielfältigen Thema "Ritter". Aber vielleicht konnte ich verdeutlichen, dass und warum es ein ritterliches Lebensgefühl zur Zeit der Ottonen noch nicht gab.    

Kommentar schreiben

Kommentare: 0