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Der alte Kontinent und das Meer

Carl Gustav Carus, Brandung bei Rügen, 1819 © bpk/Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Elke Estel
Carl Gustav Carus, Brandung bei Rügen, 1819 © bpk/Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Elke Estel

Da hat sich das Historische Museum in Berlin viel vorgenommen: Europäische Geschichte vom Meer her gedacht. Es gilt, 2500 Jahre und 70.000 Kilometer Küstenlänge zu bewältigen. Der Bogen ist thematisch weit gespannt, das Meer als Herrschafts- und Handelsraum, als Brücke und Grenze, als Ressource und als Ort der Sehnsucht. Kann das gut gehen? Ja, es kann und man fragt sich, warum nicht schon früher jemand auf die Idee gekommen ist. Die Ausstellungsmacher haben sich eines Tricks bedient, sie nehmen den Besucher mit auf eine fiktive Reise zu elf europäischen Hafenstädten. So steht Piräus für die zögerliche Aneignung des Meeres in der Antike, Sevilla für den Aufbruch in die Neue Welt, Nantes für den Sklavenhandel, Bremerhaven für Migration und Brighton schließlich für die gesundheitsfördernde Wirkung des Meeres.

Europa auf dem Stier

Europa auf dem Stier, 500 - 475 v.Chr. Der Mythos um die phönikische Prinzessin war in Griechenland ein Sinnbild für die Braut, die zur Hochzeit geführt wird. Kleine Terrakottafiguren wie die hier abgebildete wurden jung Verstorbenen mit ins Grab gegeben als Ersatz für die im Leben nicht stattgefundene Hochzeit.

© bpk/Antikensammlung, SMB/Johannes Laurentius

Die Beherrschung des Meeres

Alles begann damit, dass Zeus in Gestalt eines Stieres die phönikische Prinzessin Europa über das Meer nach Kreta entführte. Als kleine Entschädigung sollte der Erdteil, auf den die Unglückliche verschleppt worden war, ihren Namen tragen. Soweit der Mythos. Für die Griechen gehörte Kreta zwar zu Asien, aber sei’s drum. Überhaupt hatten die Griechen ein eher distanziertes Verhältnis zum Meer, es war ein angsteinflößender Ort voller Ungeheuer (weshalb ein rechter Grieche Fisch auch nur im Notfall verzehrte). Erst als die Bevölkerung zunahm und Land knapp wurde, wagten sich die Griechen weiter hinaus und begannen, Kolonien an den Küsten des ganzen Mittelmeeres zu gründen. Die Römer nannten es dann kurzerhand mare nostrum, „unser Meer“. Zu Recht. Das Meer als europäischer Herrschafts- und Handelsraum bildet den Schwerpunkt der Berliner Ausstellung. Da darf Venedig nicht fehlen und natürlich auch nicht die Hanse. Sevilla, Lissabon und Nantes stehen stellvertretend für den Aufbruch Europas nach Westen (und Osten). Für die Bewohner der anderen Kontinente war das nicht unbedingt ein glückliches Ereignis, sondern gleichbedeutend mit Ausbeutung und Unterdrückung. Zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert versklavten Europäer über 13 Millionen Menschen aus Afrika und verkauften sie in die Karibik und nach Amerika.

Pierre Bontier und Jean le Verrier, Chronik "Conquˆete et les Conquérants des Iles Canaries" (Die Eroberung und die Eroberer der Kanarischen Inseln), um 1405

Im Jahr 1402 brachen zwei französische Ritter mit Gefolge und mit Erlaubnis des kastilischen Königs auf, um die Kanaren zu erobern, die man knapp ein Jahrhundert zuvor wieder entdeckt hatte. Der Feldzug sieht im Nachhinein wie ein Übungsmanöver für die späteren Eroberungszüge der Spanier in Amerika aus. Die Europäer trafen auf eine indigene, nicht-christliche, in primitiven Verhältnissen lebende Bevölkerung. Die Motive der Teilnehmer waren wenig christlich: Habgier und Beutelust. Bis 1405 wurden Lanzarote, Fuerteventura und El Hierro erobert, in Gran Canaria und Teneriffa setzte die Bevölkerung den Fremden so viel Widerstand entgegen, dass die Eroberung aufgegeben werden musste.  Die beiden Geistlichen, die den Beutezug begleiteten, schrieben einen Expeditionsbericht. Die Kanaren spielten bei der Reise gen Westen eine wichtige Rolle: Hier füllten die Spanier ihre Vorräte auf, bevor sie nach Amerika segelten.

Pierre Bontier und Jean le Verrier, Chronik "Conquˆete et les Conquérants des Iles Canaries" (Die Eroberung und die Eroberer der Kanarischen Inseln), um 1405

© The British Library Board, Egerton 2709, f. 2.

Jean-René Lhermitte, Plan, Profil und Raumaufteilung des Sklavenschiffes Marie-Séraphique, um 1770

In Frankreich selbst war die Sklaverei zwar verboten, trotzdem wurde Nantes zu einer Drehscheibe des Sklavenhandels. Die Schiffe starteten in Nantes Richtung westafrikanische Küste. Dort tauschten sie die mitgeführten Gewehre, Branntwein, bedruckte Stoffe gegen versklavte Menschen, die dann in der Karibik gegen Zucker und andere Produkte verkauft wurden. Die Fahrt dauerte zwei Monate, pro Schiff konnte man 350 - 450 Menschen transportieren, zusammengepfercht auf dem Zwischendeck, auf der einen Seite Männer, auf der anderen Frauen und Kinder. Man hielt die Gefangenen gerade so am Leben. Kurz vor dem Ziel päppelte man die Menschen auf, um sie besser verkaufen zu können. Es wurde empfohlen, den Gefangenen Musik vorzuspielen, um Melancholie und Aufständen vorzubeugen.

Jean-René Lhermitte, Plan, Profil und Raumaufteilung des Sklavenschiffes Marie-Séraphique, um 1770

© Chˆateau des ducs de Bretagne - Musée d'histoire de Nantes

Normalfall Migration

Die maritime Geschichte Europas ist von Anfang an eine Geschichte des Unterwegsseins. Schon die Namensgeberin des Kontinents reiste ja nicht ganz freiwillig auf dem Rücken eines Stieres über das Mittelmeer. Was vielen heute vielleicht nicht mehr klar ist: Bis ins 20. Jahrhundert wanderten Menschen aus Europa aus, allein zwischen 1840 und 1880 machten sich 15 Millionen Europäer auf den Weg nach Übersee. Hungersnöte, Armut, Unterdrückung waren die Ursachen. Nicht immer war die Auswanderung eine Erfolgsgeschichte. Wer in das gelobte Land Amerika reisen wollte, nahm den Weg über Bremerhaven. Komfortabel war das nur für die Betuchteren, der gewöhnliche Auswanderer verbrachte die Überfahrt in den Zwischendecks der Auswandererschiffe, gepeinigt von Seekrankheit, Hunger und Todesangst. (Sehr empfehlenswert ist übrigens auch das „Deutsche Auswandererhaus“ in Bremerhaven.) Erst nach den beiden Weltkriegen wurde Europa zum Einwanderungskontinent.

Schaustück des ersten Transatlantikkabels

Eine unterirdische maritime Verbindung: Tiefseekabel, über die 90 Prozent des Internetverkehrs laufen. 1858 wurde das erste Transatlantikkabel zwischen Irland und Neufundland verlegt: 4.630 Kilometer lang, 2.500 Tonnen schwer. Die telegrafische Verbindung funktionierte nur wenige Wochen, mangelhafte Isolierung und zu hohe elektrische Spannung machten dem Kabel den Garaus. Als man das Kabel herausholte, fanden sich daran Tiefseelebewesen, der erste Beweis, dass tatsächlich Leben ganz unten im Meer existierte. Nach der Verlegung des Kabels kaufte Tiffany die Restmengen auf und verkaufte sie stückweise mit einem Zertifikat als Souvenir.

Schaustück des ersten Transatlantikkabels, 1858

© Deutsches Historisches Museum Berlin

Der Sehnsuchtsort

Max Liebermann, Badende Knaben
Max Liebermann war einer der ersten deutschen Maler, der das Badevergnügen zum Thema seiner Bilder machte. Badende Knaben, 1902. © Museum Kunst der Westküste, Alkersum/Föhr

Relativ neu ist die Sicht auf das Meer als Ort der Erholung. Die Europäer können sich damit brüsten, den Badeurlaub erfunden zu haben. Vorreiter war der in Brighton praktizierende Arzt Richard Russell. Er beschrieb 1750 als erster die heilsame Wirkung des Meerwassers auf allerlei Gebrechen. Brighton mit seinen Seebrücken wurde zum Vorbild für die Badeorte an den Küsten der Ost- und Nordsee. Bis zum Massentourismus dauerte es dann noch etwas.

Fazit

Eine Ausstellung, die man mit Gewinn besucht. Noch bis zum 6. Januar 2019 im Tiefgeschoss des Deutschen Historischen Museums in Berlin. Mehr Informationen gibt es hier: www.dhm.de/ausstellungen

Für alle, die nicht nach Berlin kommen, lohnt sich der hervorragende Katalog „Europa und das Meer“. 448 Seiten, 415 Abbildungen, 35 € (Hirmer Verlag).

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