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Europa in Bewegung - Lebenswelten im frühen Mittelalter

Gürtelschnalle einer Frau aus einem Grab der Awarenzeit

Diese Gürtelschnalle aus einem Grab der Awarenzeit gehörte einmal einer Frau, die damit ihren breiten Gürtel zusammenhielt. Auf dem Dornschild ist ein germanischer Gott/Held zu sehen, der, bewaffnet mit einem Dolch in jeder Hand, gegen eine ihn würgende Schlange kämpft. 8,4 cm lang, um 580 -620. Foto: Ungarisches Nationalmuseum Budapest

Differenzierte Blicke auf das frühe Mittelalter, die Zeit zwischen 500 und 1000, sind eher selten. Immer noch verbinden die meisten diese Epoche mit Zusammenbruch, Verfall und exzessiver Gewalt - auch wenn die Wissenschaft seit Jahrzehnten eifrig um Korrektur bemüht ist. Im Landesmuseum Bonn wird jetzt eine bemerkenswerte Ausstellung gezeigt, die sich explizit mit der unglaublichen Dynamik dieser Epoche beschäftigt. „Europa in Bewegung. Lebenswelten im frühen Mittelalter“ lautet der Titel und wer dabei ausschließlich an Migration denkt, liegt falsch. Es geht um das Erbe des Römischen Reiches und was die verschiedenen europäischen Regionen daraus machten. Kurz, es geht um die vielfältigen Wurzeln Europas. Folgerichtig ist die Ausstellung das Produkt einer europäischen Zusammenarbeit, ein Teil des CEMEC-Projekts (Connecting Early Medieval European Collections), eines Netzwerks aus europäischen Museen und Forschungsinstituten. Man hat sich zum Ziel gesetzt, Zusammenhänge zwischen frühmittelalterlichen Artefakten und ihren jeweiligen Ursprungsregionen mit Hilfe von innovativen IT-Lösungen zu untersuchen. 

Das Kunágota-Schwert gehört zu den ersten awarischen Grabfunden. Es befindet sich seit 1857 im Ungarischen Nationalmuseum. Der Ringknauf des Schwertes verweist auf das asiatische Erbe der Awaren. Die Beschläge gehörten einst zu einem byzantinischen Holzgegenstand, vielleicht ein Schmuckkästchen, das die Awaren auf einem ihrer Beutezüge eroberten. Vermutlich wurde das Schwert speziell für die Bestattung angefertigt, für eine Verwendung im Alltag sind die Beschläge zu fragil. Mitte 7. Jh. Foto: Ungarisches Nationalmuseum Budapest

In der Bonner Ausstellung werden neue Vermittlungstechniken erprobt, wie die kulturübergreifende Zeitleiste, die Besucher per App steuern können. Objekte aus verschiedenen Kulturen können angesehen und Verbindungen gezogen werden, so lässt sich leicht nachvollziehen, dass der im Frankenreich beliebte Granat über mehrere Zwischenhändler aus Indien kam, ein in Belgien gefundenes Trinkhorn aus Irland stammt und eine arabische Münze Kontakte zwischen dem karolingischen Reich und dem Kalifat in Syrien belegt. Besucher können auf ihre eigene Zeitreise gehen und selbstständig Netzwerke entdecken. 

Cemec Zeitleiste

Die sogenannte Cross-Culture-Timeline in der Ausstellung. Foto: J. Vogel, LVR-LandesMuseum Bonn

Ausstellungsstücke sollen im Museum nicht nur verwahrt, sondern sinnlich erfahrbar gemacht werden. Dazu gehört, sie mit den Menschen in Verbindung zu bringen, die sie benutzt haben. Wer ist als Besucher nicht schon ermüdet beim Betrachten der immer gleichen Tonwaren in endlos scheinenden Vitrinen. Objekte dürfen Geschichten erzählen, allerdings muss man aufpassen, nicht die falschen Bilder zu evozieren. (Ich nenne das die TerraXierung der Geschichte.) Publikumswirksam lässt man in Bonn Reisende aus dieser Zeit zu Wort kommen: Da finden sich Kaiserinnen, arabische Diplomaten, Pilger und Erzbischöfe. Leser dieses Blogs werden viele Bekannte wiedertreffen, wie Theophanu, Martin von Tours oder Abul Abaz, den Elefanten Karls des Großen.    

Fazit: Empfehlenswert

Fränkische Grabstele von Niederdollendorf

Die Grabstele von Niederdollendorf zeigt einen Krieger, der von einem schlangenartigen Wesen umgeben ist und sein Haar kämmt. Langes Haar galt (nicht nur) den Franken als Symbol für Macht und Lebenskraft. Trotzt der Krieger der Bedrohung durch den Tod, symbolisiert durch die Schlange? 7. Jh., 52 cm, Foto: J. Vogel, LVR-LandesMuseum Bonn

Eine vorbildlich aufgearbeitete Ausstellung und ein ebenso vorbildlicher Katalog, in dem die Welt des frühen Mittelalters profunde beschrieben und erklärt wird. Auch wer die Ausstellung nicht besuchen kann, ist damit bestens bedient. (Für Interessierte auch als Last-Minute-Weihnachtsgeschenk geeignet.) Man kann sich zusätzlich online das umfangreiche Begleitheft zur Ausstellung herunterladen, ebenfalls hervorragend gemacht. Weitere Informationen gibt es hier: LVR-LandesMuseum Bonn


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