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Bild und Buch

Kleine Kostbarkeiten in der Stuttgarter Staatsgalerie

Sie sehen aus wie die kleinen Fleißbildchen, die man früher manchmal im Religionsunterricht für Wohlverhalten bekam, nur sind die sieben handkolorierten Kupferstiche wesentlich älter und wesentlich wertvoller. Vor mehr als 500 Jahren schmückten sie das Gebetbuch der Utrechter Nonne Anna Wartys. Heute hängen sie im Graphikkabinett der Stuttgarter Staatsgalerie. Einst täglich in frommer Andacht betrachtet, sind sie zu Museumsstücken geworden. Um die Bildchen besser verkaufen zu können, hatte man sie aus dem Buch herausgelöst.    

Die kleine Ausstellung „Gemalt, gedruckt, gebraucht“ geht der (handwerklichen) Verbindung von Bild und Buch in den Anfangszeiten des Buchdrucks auf den Grund. Wenn man kein Experte ist, und das dürften wohl die meisten Besucher sein, steht man allerdings etwas ratlos vor den Exponaten, denn die Erläuterungen sind sehr spartanisch.

Die Verkündigung an Maria.
Die Verkündigung an Maria. 2. Hälfte 15. Jh., Deckfarben und Gold auf Pergament, anonymer Maler

Über viele Jahrhunderte wurden Bücher von Hand geschrieben. Das erledigten Mönche in den Schreibstuben, den Skriptorien, der Klöster. Bücher zu kopieren war eine anstrengende Arbeit. Ein Schreiber konnte höchstens sieben Seiten zu 25 Zeilen am Tag schaffen. „Drei Finger schreiben, zwei Augen sehen, eine Zunge spricht und der ganze Körper plagt sich ab,“ ließ Jonathan, Mönch im Kloster Lorsch, die Leser seiner Abschrift wissen. Doch der Lohn für die Arbeit war unendlich. Das Schreiben war für den Mönch (und die Nonne) eine spirituelle Übung, die zum ewigen Heil führen sollte. Jeder aus der Heiligen Schrift kopierte Buchstabe schlage dem Teufel eine Wunde, so formulierte es bereits der spätantike Gelehrte Cassiodor. Zum Schluss machte sich der Illustrator ans Werk. Das waren Spezialisten, die man auch von außerhalb des Klosters holte. Großformatige, von Hand gemalte Bilder waren extrem teuer und sind daher nur in  kostbaren Prachthandschriften zu finden.

Um 1450 gelang Gutenberg die Mechanisierung des Schreibens. Gedrucktes war anfangs noch eine teure Angelegenheit, doch das änderte sich schnell. Gewohnheiten sind in der Regel beständiger als technischer Fortschritt und so gab man gedruckten Büchern den Anstrich des Handgeschriebenen, um die Erwartungshaltung des Lesers zu erfüllen. Auch die Gestalt des Buches änderte sich mit dem Buchdruck nicht. Man fügte in die gedruckten Bücher von Hand Rubrizierungen (rote Hervorhebungen) als Schmuck- und Ordnungselement ein. Da mehrfarbiger Druck (noch) schwierig war, kolorierte man die Bilder von Hand. Für die Bildchen im Gebetbuch der Anna Wartys hatte man Kupferstiche verwendet. Solche Kupferstiche mit religiös-erbaulichen Motiven waren Massenware, in Serie angefertigt von Spezialisten am Niederrhein. 

Christus in der Vorhölle. Der Eingang zur Hölle ist der Rachen eines Wals. Aus dem Gebetbuch der Anna Wartys.

Bild aus dem Gebetbuch der Anna Wartys. Christus in der Vorhölle, um 1450-1470. Kolorierter Kupferstich. Das Tor zur Hölle wird im Mittelalter auch als Rachen eines Wals dargestellt. Man beachte die Fangzähne! Die Zahnreihe, mit der der Kupferstecher das Maul des Wals so furchterregend ausgestattet hatte, wurde vom anonymen Maler als Ornament missverstanden. Und so malte er jedes zweite Kästchen rot aus.    


Am Ende Profanes: eine Spielkarte

Spielkarte Eichel-König, um 1470-1480
Eichel-König, um 1470-1480, Holzschnitt koloriert

Nach so viel Heiligenbildchen steht am Ende Teufelszeug: die älteste gedruckte Spielkarte, die auch tatsächlich benutzt wurde. Das Kartenspiel kam vermutlich aus Ostasien nach Europa und verbreitete sich in kürzester Zeit. Gespielt wurde um Geld, daher schränkten viele Städte das Spiel ein. Die Obrigkeit fürchtete nichts so sehr wie Verarmung und Tumult. Im 14. Jahrhundert konnte man Spielkarten mit Hilfe der Holzschnittechnik in großen Mengen preiswert herstellen. Man druckte die Karten auf große Papierbögen, kolorierte sie mittels Schablonen und schnitt die Karten dann auseinander. Ein Zentrum der Spielkartenproduktion war Nürnberg, wo auch die erste Papiermühle nördlich der Alpen stand. Es liegt auf der Hand, dass Spielkarten ein kurzlebiges Gebrauchsgut waren. Vielleicht hatte eine fromme Seele die in Stuttgart gezeigte Spielkarte als Heiligenbild in ihr Gebetbuch geklebt und so zur Erhaltung der „sündigen“ Karte beigetragen.

Gemalt, gedruckt, gebraucht. Bis 27. Mai in der Staatsgalerie Stuttgart, im regulären Eintrittspreis enthalten.

Sonntag, 27.05.2018, 11 Uhr Finissage mit Dr. Annette Kröger vom Deutschen Spielkartenmuseum. Eintritt frei.

Alle Bilder: Staatsgalerie Stuttgart. Graphische Sammlung

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